Mai 2012
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Inventur abgeschlossen

Ich habe nach erfolgreicher Sperrmüllaktion angefangen noch mehr wegzuwerfen: alte Fachbücher, Ordner, meine alten Kalender aus Jahrzehnten, Aufzeichnungen, Studienunterlagen. Briefe werde ich wohl besser verbrennen. Einige wenige sollte ich aufheben, eine kleine Kiste mit ausgewählten Erinnerungen, das reicht.

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Es ist erstaunlich, was sich so findet: der böse Abschiedsbrief meines ersten Ehemanns, Liebesbriefe von ihm, Briefe früherer Freundinnen, die mich erstaunen… So viel, was vorbei ist, was einmal war aber heute keine Rolle mehr zu spielen scheint. Ich sehe auf all das wie auf das Leben einer anderen.
Und da ist auch die Kindheit meiner eigenen Kids noch immer voll präsent: unendliche Bücherfolgen, wunderbare Bilderbücher, die ich vergessen hatte, Pullover, die ich selber gestrickt habe. Von Kuscheltieren einmal ganz zu schweigen.
Wir haben 2 Riesencontainer bei der Auflösung des gemeinsamen Haushaltes weggeworfen vor 4 Jahren. Und noch immer ist so viel da!

Ich möchte mich leicht machen, Ballast abwerfen, bis ich meine Haut wieder spüre, bis ich auf die Dinge stoße, die heute für mich noch was zu bedeuten haben. Ich sehne mich danach, nur noch von den allernötigsten Dingen umgeben zu sein.

Was in meinem Leben noch zählt, zeigt sich mir im Alltag. Darüber möchte ich mir Rechenschaft ablegen.

Was ich liebe - XIII.

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Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht
sie säuseln und wehen Tag und Nacht.
Sie schaffen an allen Enden.
Oh frischer Duft, oh neuer Klang,
nun armes Herze sei nicht bang,
nun muss sich alles, alles wenden.

 

Die Welt wird schöner mit jedem Tag.
Man weiß nicht, was noch werden mag,
das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal.
Nun armes Herz, vergiss der Qual.
Nun muss sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland

 Und dann ist noch all das da, was ich liebe, was ich erleben und erlauschen will, solange meine Augen, meine Ohren mitmachen.

 Da ist mein Garten im Verlaufe der Jahreszeiten, die flirrenden Birkenblätter vor dem tiefblauen Himmel über meiner Hängematte, das Leuchten der Blüten vor dem satten Grün, der junge Specht, der sich zu uns verirrt, die ersten Keimlinge im April, die ich vor Elstern und Schnecken verteidigen muss, die Schatten- und die Sonnenplätze, der Kaffee im Schutz der Bäume, ….

 Und da ist der Wald, der Wald in dem ich die ersten Schritte gemacht habe, der hohe Hildesheimer Wald und all die anderen Wälder, die im Sommer nach Harz riechen und im Winter nach Eicheln, wo auf Moospolstern mitten zwischen dichten Bäumen die Sonne eine kleine Waldlichtung mit Wärme tränkt, wo ich im Gras liege und in den Himmel blicke hinter den leicht wogenden Kiefern. Der Wald war mir stets ein Ort des Friedens, ein Ort, wo ich alle meine Sorgen und Ängste weglegen konnte. Hier war ich Mensch aber umgeben von Natur, von einer Welt, die mich als Gast duldete aber zärtlich und nachsichtig mit mir war.

Das Meer kenne ich erst seit meinem 18. Lebensjahr, aber ich meinte sofort damals, es schon immer gekannt zu haben: den weiten Horizont, den endlosen Blick in den Dunst an der Wassergrenze, das Rauschen, das sich einen Dreck schert um alles, was am Strand los ist, das immer weiter rauscht und keinen Menschen zu brauchen scheint. “In allen Lebenslagen”, so heißt ein Spruch, den ich immer beherzigt habe, “hilft Salzwasser: Tränen, Schweiß oder das Meer”. So ist es.

 Ich liebe die Natur zu allen Jahreszeiten. Früher liebte ich am meisten den Herbst. Je älter ich werde, desto mehr warte ich auf den Frühling. Es tut gut, sich, wenn man selber nicht mehr im Frühling steht, zu vergewissern, dass die Erde nicht alt wird und sich ständig erneuert. Wenn Äste, die vorher wie totes Holz im kalten Februar standen und im Regen glänzten wie Metall, wenn die auf einmal zu leben beginnen, wenn sie grün schimmern und dann das Chlorophyll aus ihnen hervorbricht, wenn nackte Felder und gelbgraue trockenstarre Wiesen vom Vorjahr mit einem Mal vor Grün und Kraft strotzen, dann erlebe ich so etwas wie die Erneuerung meines Glaubens an die Kraft der Natur. Und ich bin stolz, in diesen Kreis hineinzugehören. Ich könnte meine Jahre nach Frühlingen zählen.

Und die Sterne, die Blüten, die kalten kristallklaren Seen in Brandenburg, die Bäche und Flussläufe, das Feuer. Das habe ich noch vergessen. Ich möchte noch oft im Garten oder im Zimmer sitzen und in die Flammen schauen, in diese vernichtende Lebendigkeit und Hitze, ich möchte die Funken sprühen sehen, zuschauen, wie dicke Holzscheite sich durch die Flammen verwandeln in verkohlte Pflanzen, wie plötzlich Wachstumsstrukturen wieder sichtbar werden und Zellverbände, Jahresringe. Und ich möchte dabei sein, wenn das Feuer am Ende sich als glühende Asche bescheiden und vertraulich zurücknimmt und schließlich erlischt.

 Aber nicht nur die Natur berührt mich mit ihrer Schönheit. Auch die Schönheit, die Menschen geschaffen haben, erreicht mich, zumindest da, wo sie nicht aufgepeppt, in Plastik verpackt und schrill auf mich zu kommt. Alte Städte, Gebäude, in denen die Steine die Gewölbe noch tragen, Brücken, denen man ihre Aufgabe noch ansehen kann, Plätze, auf denen Menschen sich treffen, Straßen, die eine Landschaft durcheilen wie ein Strom aber auch die Via Appia, die Kilometer lang gesäumt ist von riesigen wilden Oleanderbüschen, all das erzeugt Lust und Freude bei mir. Und natürlich Musik, die bescheidene erst einmal, die ich selber machen kann und die große, die ich nur anhöre: Barock, Schubert, Beethoven, Lieder aus Irland, meine Beatles, so viele alte Popsongs, die meine Jugend und mein späteres Leben begleitet haben und mir Heimat sind. Kunst liebe ich auch, wenn sie nicht als Massenprodukt oder als etwas auf mich zukommt, was ich zu kennen habe, was man gesehen haben muss. Ich liebe den Tanz, das Verschmelzen des menschlichen Körpers mit der Musik. Und vor allem liebte und liebe ich die Dichtung, die Sprache, die sich wie ein Vogel von der Erde abheben kann und dann viel mehr ist als ein Mittel zur Verständigung, die zu schimmern beginnt, zu leuchten, zu summen, die Versprechungen macht, Visionen eröffnet, die ans Herz greift und die mich hinweg trägt aus der Wirklichkeit ohne die Wirklichkeit zu vertuschen. Ich liebe die Dichtung genau so wie die Wirklichkeit, manchmal mehr.

Und - zugegeben- , ich liebe das Autofahren, meinen PC und das Fotografieren.

 Menschen liebe ich auch, nein nicht alle. Ich bin kein Philantrop, kein Menschenfreund, keiner der immer unter Menschen zu Hause sein kann und auch dort sein muss, einfach weil es Menschen sind. Ich achte sie, ich bestehe auf ihrer Würde und auf ihrer Gleichwertigkeit, egal wo sie herkommen und was sie sind und haben. Aber lieben kann ich nur wenige von ihnen.

Etwas anders ist aber das: ich brauche sie. Natürlich brauche ich sie und vielleicht brauchte ich sie immer mehr, als ich sie bekommen habe. Das sind alte Wunden. Möglicherweise liegt es an mir selber, dass die Menschen für mich nicht das waren, was sie hätten sein können, meine Menschen. Ich bin misstrausch und ängstlich gewesen vor ihnen. Vielleicht hätte ich mich selber mehr um Menschen kümmern müssen.

Doch ja, das werde ich vielleicht auch noch tun: mich mehr um andere Menschen kümmern.

.

Alt werden  - XII.

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Abendstille

Wir fahren in einem Boot in den Abend. Der Himmel ist
voller Schäfchenwolken. Der Fluss fließt glatt und glänzt.
Du bist bei mir. Du summst ein Lied.
Die Mühen des Tages weichen aus unseren Zügen.
Wir lehnen uns an einander und wissen,
dass nie zuvor wir uns so nah gewesen sind.
Irgendwann, morgen oder in ein paar Tagen
hat unser Boot die Stromschnelle erreicht,
in die wir hinabstürzen werden.

 Was sollen wir tun?

 Rücke noch näher. Halte mich fest.
Schau, die Abendsonne, die dein Antlitz beleuchtet,
macht dich jung. Die Bäume und Sträucher am Ufer
sind grün und spiegeln sich flimmernd im Wasser.
Lege deine Hand an mein Gesicht und fühle meine Haut.
Ich bin bei dir. Wir treiben gemeinsam dem Abgrund zu.
Aber bis dahin lächelt die späte Sonne noch eine ganze Weile
und vielleicht auch noch der kühle Mond
über unserem freundlichen Boot,
das unaufhaltsam mit dem Fluss dahin treibt.
Es war nie anders.

Mechthild Seithe

 Mancher, der meine Gedanken lesen wird, wird einfach nur denken: sie ist alt, sie ist alt geworden und versucht damit klar zu kommen. Das ist alles.
Mag sein.
Und es liest sich zugegebener Maßen vielleicht auch sehr glatt, zu glatt. So, als könne man nun, nachdem all das geklärt ist, ewig so weiter leben.

Das ist nicht so.

Heute bin ich stolz darauf, dass ich mir nichts mehr daraus mache, dass ich nicht mehr zu denen gehöre, die die Welt im Griff haben, die sich auskennen, die mitspielen können. Heute bin ich froh, dass ich es akzeptieren kann, dass meine Haut Falten bekommt und Runzeln und dass ich nicht mehr so flott die Treppen steigen kann wie meine jüngeren KollegInnen.’
Und morgen wäre ich dankbar, wenn ich noch so jung sein dürfte, wie ich es heute bin.
Morgen bin ich froh, wenn ich die Treppe überhaupt noch ohne Schmerzen hoch komme, wenn ich es schaffe, mich alleine um meinen Haushalt zu kümmern und für mich einzukaufen,…
Trotz all der entspannten Weisheit und der Freude darüber, dass die dummen und unnötigen Anstrengungen der Jugend und die mühsamen und immer auch irgendwie entfremdeten Mühen des Berufslebens nun bald hinter mir liegen, es geht nun einem schnellen oder allmählichen Ende zu.

Mein Vater wird 90 und sein Tag ist damit ausgefüllt, sich notdürftig zu versorgen und seine Schmerzen auszuhalten. Er hat genug, aber das Leben geht immer weiter und es macht wirklich beinah gar keinen Spaß mehr.
Ich sehe mich in 30 Jahren und weiß, dass ich nicht so viel Geduld, soviel Würde und soviel Tapferkeit aufbringen werde, wie er es heute tut.
Es müsste jemand da sein, der ihn umsorgt, der sich jeden Tag um ihn kümmert, der ihn die letzten Monate oder Jahre seines Lebens so weit entlastet, dass er noch ein bisschen Freude daran haben kann. Er lebt alleine. Seine Töchter leben 300, 600 Kilometer weit weg. Wir können es nicht. Wir schleppen uns durch die letzten Berufsjahre vor der Rente. Da kann man nicht nebenbei seinen alten Vater pflegen.

Ich denke, wie wird es bei mir sein? Bin ich dann auch alleine? Werde ich noch Freunde haben, die leben? Werde ich noch menschliche Nähe spüren? Werde ich in Würde die schwächsten Tage meines Lebens leben können?
Angst beschleicht mich, wenn ich sehe, wie mein Vater lebt, Angst, wenn ich an die gesellschaftlichen Alternativen und Möglichkeiten denke, die mir dann zur Verfügung stehen werden.

 Noch bin ich nicht einmal in Rente. Noch denke ich: bald fängt das Leben an. Aber es wird nicht einfach sein und immer mühsamer, es wird vielleicht auch nicht mehr lange dauern oder aber ich schleppe mich noch mit 104 auf dieser Erde herum wie meine Urgroßtante.

Nie habe ich es wahr haben wollen: es endet klein, schwach, eingeschränkt, hilflos, dieses Leben. Ich habe mittelalterliche Darstellungen vom Kreis des Lebens gesehen. Am Ende ist der Mensch nur noch ein fast lächerlicher Schatten seiner selbst. Die Jugend wird dort gefeiert. Sie ist das Leben selber. Aber sie war niemals ewig. So wie angeblich heute.
Wir vergehen und die letzten Wege und Jahre werden wahrscheinlich schlecht für uns sein, sehr schlecht. Wer stirbt schon so, dass er es nicht merkt, beim Einschlafen, plötzlich? Ich wundere mich, dass es bisher alle geschafft haben, wirklich zu sterben. Meine Mutter hat sich sehr und sehr lange quälen müssen. So dass es wie eine Gnade erschien, dass ihr Herz dann auf einmal doch aufgab.

Haben wir das je in unseren Köpfen gehabt, dass es so ausgehen wird?

Natürlich wünscht man sich ein Ende in der Nähe eines geliebten Menschen, in vertrauter Umgebung. Man wünscht sich, dass man wirklich Abschied nehmen kann, von den Leuten, die man liebt, aber auch vom Leben, vom Wind, vom Licht, von der Musik…
Religiöse Menschen trösten sich vorher und vielleicht auch in diesen Momenten mit ihrem Glauben an das Jenseits. Ich sehe keine Veranlassung dazu und auch keinen Hinweis darauf, dass es so etwas irgendwie geben könnte. Ich würde es auch nicht wollen. Ich möchte sterben wie die Pflanzen und Tiere. Dem Gesetz der Natur folgend und mit ihm in Übereinstimmung. Auch der Gedanke einer Wiedergeburt war für mich von je her eher skuril und eher unangenehm.

Ich möchte sterben und sagen können: Das war mein Leben. Es ist irgendwann aufgetaucht und ich habe viele Jahrzehnte auf dieser Welt zugebracht, habe sie bewusst erlebt, die Natur und die Menschheit, so wie sie eben gerade waren zu meiner Zeit, und nun gehe ich wieder aus allem heraus und lasse es sich weiter drehen. Ich danke und es reicht. Es war gut und es war auch manchmal schlecht. Ich wünsche der Menschheit, dass sie irgendwie doch noch verhindert, dass sie sich so oder so selber zerstört. Ich wünsche, dass die, die mich vielleicht geliebt haben, noch ein Weilchen an mich zurückdenken werden.
Ich habe neulich etwas gehört vom Friedwald. Das wäre eine schöne Vorstellung und würde mir den Abschied erleichtern.

Aber vorerst gilt es zu leben, so lange es geht.

Mein Körper, das bin ich - XI.

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Nachtanbruch

Aus dem Kronen der Eichen
senkt sich die

Dunkelheit
über das Land,
sanft und lautlos
und unerbittlich.

In den Zweigen erstirbt
der klagende Laut eines Vogels.
Mein Herz flattert
ein wenig.

Dennoch,
wenn der letzte helle Streifen
im Westen erloschen ist,
hat es
bereits Ja gesagt
zur Dunkelheit.

M. Seithe

 

 Als ich klein war, wollte ich entweder ein Engel ohne Körper oder aber eine Pflanze ohne Seele sein. Die Kombination von Körper und Geist erschien mir schon damals als Zumutung.
Es gab Zeiten, wo ich ihn fast vergessen habe, meinen Körper, wo ich ihn behandelt habe wie einen alten Sack, der mich umhüllt, der aber nichts mit der Person zu tun hat, die ich bin.

Eins mit meinem Körper war ich nur in Zeiten, in denen ich diesen Körper gebraucht habe als Quell von Freude und Lust: beim Wandern, wenn ich rechtschaffen müde war, wenn ich mich meiner Augen, meiner Ohren freuen konnte, wenn ich mit meinen Fingern etwas ertasten durfte, das mich lächeln machte: Das Fell eines Teddybären, ein Stück Moos, die Wange eines Kindes, das Haar des Geliebten… Und auch in den Zeiten, in denen meine sexuelle Lust für mich selbstverständlich war wie das Trinken und das Atmen. Aber das war nicht immer in meinem Leben so.

Ich denke heute, dass mein Schwanken im Bezug auf Sexualität auch etwas mit der geringen Beachtung und Wertschätzung meines Körpers zu tun hatte. Ich habe ihn nicht geliebt, er war mehr selbstverständliche Beigabe, mehr Last als Lust. Nicht nur, dass ich mich nie besonders schön gefunden hätte. Ich habe mich nicht mit meinem Körper identifiziert. Ich, das waren meine Gefühle, meine Gedanken, meine Pläne… aber mein Körper?

 Und nun, da ich alt werde, stelle ich fest, dass dieser Körper es vor allem ist, der alt wird und mich mitzieht in das Schwachwerden und Vergehen. Körperliche Leiden stellen sich mir und meinen Plänen immer öfter in den Weg. Und alles an mir verliert die Kraft, die Straffheit, die Glätte, die Spannkraft. Ich muss meinem Körper folgen und ich begreife langsam, dass ich es bin, der da leidet und schwach geworden ist. Denn wenn er aufgibt, werde ich sterben.
Wenn ich einen neuen Personalausweis beantrage und gefragt werde: “172 cm groß, stimmt das?”, dann nicke ich, weil das immr meine Größe war. Und ich denke erboßt, dass ich – heute gemessen – nur mehr 169 cm groß bin. Die Bandscheiben verabschieden sich.

Ich beginne allmählich zu bedauern, dass ich mich meines Körpers nicht mehr gefreut habe, als ich noch jung war, dass ich ihn nicht mehr geliebt, geachtet, gepflegt und wertgeschätzt habe: meine Beine, meine Füße, meine Arme, meinen Leib, meinen Schoß, meine Brust, meinen Hals und mein Gesicht. Wenn ich es genau überlege sind meine Hände die einzigen Teile meines Körpers, zu denen ich eine liebevolle Beziehung habe.

Wenn ich meine Hündin betrachte, so kann ich sie ohne ihren Körper gar nicht denken. Und sie ist ganz und gar eins mit ihm. Wie kommt man bloß als Mensch auf so absurde Gedanken, dass man sich meint über seinen Körper erheben zu können?
Diejenigen, die ihn mit viel Aufwand und Mitteln versuchen, ewig jung zu halten, haben seine Bedeutung offenbar besser erkannt, aber sie haben ihn in seiner Wirklichkeit genauso wenig angenommen. Sie versuchen ihn aus zu trixen, seine Natur zu leugnen.

Den Alterungsprozess annehmen können, das wäre es. Damit habe ich noch immer zu kämpfen. Wohl komme ich mühsam den Entwicklungen hinterher, aber sie sind leider schneller als meine Bemühungen und Einsichten.
Aber ich kann es schon hören, ganz leise,
mein Herz sagt ja.

Die Liebe spielt nicht im Paradies -  IX.

Nach der Vertreibung aus dem Paradies

Wie könnte ich vergessen,
was wir hatten, was wir waren?
Wie könnte ich die Leichtigkeit
vergessen, die unsere Stimmen trug
und dieses milde Licht, dass keine Schatten kannte?

Dort hinter dieser Dornenheckenschranke,
die uns vom Paradiese trennt,
war alles anders: Unsterblich waren wir.
Unsterblich auch war unsere Liebe
und unerschöpflich, grenzenlos.
Du hast es wirklich schon vergessen?
Du lachst? Wie kannst du lachen!

Mechthild Seithe

 

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Ich habe inzwischen doch begriffen, dass auch die Liebe nur vorübergehend die Farbe der untergehenden Sonne annehmen kann und dass bei hellem Tag besehen, Liebe vor allem bedeutet, den anderen zu achten und sich zu bemühen, ihm Achtung zu zeigen. Und ich bin dankbar, dass ich diese Chance noch habe.

Die große Liebe und die große Leidenschaft hatte ich stets nur in meinem Affären, während, vor oder nach meinen Ehen. Aber ihnen traute ich nicht über den Weg.
In meinen jüngeren Jahren habe ich die Männer geheiratet, mit denen mich eine intensive und stabile Freundschaft verband. Ich habe mich nie getraut, mich wirklich richtig zu verlieben. Meine Beziehungen gingen auf Nummer sicher. Und sie scheiterten beide nach vielen Jahren, obwohl ich schon nach nur wenigen Jahren wusste, dass mich diese Beziehungen nicht glücklich machen würden.
Dann später, mit über 50 Jahren, ergriff mich die Liebe so heftig, dass sie mich fast aus der Bahn warf. Ich verlor dabei beinah meinen Verstand und meine Würde. Und wurde trotzdem oder gerade deshalb bitter enttäuscht. Die Verletzung war unglaublich. Ich habe mich nur schwer erholt davon wie von einer lebensbedrohenden Krankheit.

Dann fand ich doch einen Mann, der mich liebte und in den ich mich verlieben konnte. Unsere Paradieszeit war die glücklichste Zeit meines Lebens. Es war meine erste erfüllte Liebe und Leidenschaft, die nicht heimlich standfand, sondern offen unter der Sonne. Wir verstanden uns ohne Sprache. Ja wir machten uns lachend Sorgen, ob es mit uns später nicht zu langweilig werden könnte, weil wir weit und breit keinerlei Meinungsverschiedenheiten oder Anlässe zu Streit oder Mißverständissen sahen. Wir liebten uns mit dem Körper, mit dem Herz und auch mit dem Verstand. Es war tatsächlich ein Art Paradies. Es fehlte nichts. Das Lebensgefühl war zum ersten Mal perfekt. Wir watetem im Glück. Es war wie ein Nach Hause kommen, wie ein Losgesprochen werden von den Sorgen und Lasten des alltäglichen Lebens, es war das, was man als “siebten Himmel” bezeichnet.

Dieser Zustand dauerte drei Monate. Dann spürte ich die ersten Veränderungen. Er war nicht mehr nur und immerfort nur von mir erfüllt, er kümmerte sich wieder um andere Dinge. Ohne dass unsere Liebe und Leidenschaft aufhörte, spürte ich ab da schmerzhaft und mit großer Verlustangst, dass wir auf der harten Erde landeten und uns fernerhin dort zurecht finden mussten. Es gab Krisen. Wir blieben zusammen, aber das ständige Gefühl, Stück für Stück aus dem Paradies gestoßen zu werden, verließ mich nicht mehr.

Er empfand das alles als ganz normal, was mich sehr traurig machte und auch verletzte.

Dennoch blieben wir ein Paar, verstanden uns immer noch leidlich, liebten uns, lebten zusammen, bauten uns ein Haus, pflegten einen Garten und teilten unsere Sorgen und Freuden.
Das Problem, keine Missverständnisse, Meinungsverschiedenheiten und Fremdheiten zwischen uns zu haben, gibt es allerdings schon lange nicht mehr. Wir brauchen jetzt die Worte, wenn wir uns verstehen wollen und nicht immer gelingt es.
Die Leidenschaft ist besänftigt. Alles geht in ruhigen Bahnen. Vielleicht sind wir jetzt einfach doch alt geworden? Oder ist das einfach der Weg aller Leidenschaft? Ein Spruch geistert in meinem Kopf: “Wenn du Glück hast, wird aus einer großen Liebe eine gute Freundschaft.”
Dieser Spruch hat mich früher empört. Heute sehe ich das gelassener.
Wenn man drei Mal geheiratet hat, weiß man, dass man doch immer wieder den gleichen Typ nimmt, dass man immer wieder die gleichen Fehler macht, dass man immer Männer wählt, die auch die gleichen Fehler machen, zu mindest viele, die man schon kennt und an denen man sich schon oft den Kopf eingeschlagen hat.
Und nun?
Noch einmal Paradiesgefühle, wenigstens einen kleinen Nachklang?
Für Affären bin ich zu alt, zu bequem, zu müde. Und eigentlich auch nicht dran interessiert. Natürlich tut es gut, wenn ein jüngerer Mann einem zulächelt, wenn man spürt, da baut sich sogar noch ne Spannung auf. Aber das reicht dann auch.

Ich habe genügend Zeiten der Leidenschaft und des beflügelt Seins genossen. Ich wäre heute zu müde, sie noch einmal erleben zu wollen und ich möchte die Landung auf dem Boden der Realität nicht noch einmal mitmachen mit all ihren Prellungen und Enttäuschungen. Ich bin froh, dass ich sie überstanden habe und begreife, dass es möglich ist, bei Tageslicht den anderen so zu sehen wie er wirklich ist und ihn dennoch gerne zu haben, statt nur in das eigene Gefühl verliebt zu sein.
Und ich weiß inzwischen auch, dass das Paradies wirklich kein normaler Zustand ist und ein Verharren im Paradies ein Zeichen von fehlender Reife sein dürfte, und dass das Bestehen darauf, in paradiesischen Verhältnissen zu verweilen, die Flucht vor der Wirklichkeit ist.
Und ich weiß, dass es Kraft kostet, eine Beziehung lebendig und auch ein bisschen spannend zu halten, und warm und vertraut…. Das geht nicht von alleine, auch dann nicht, wenn man drei Monate zusammen im totalen Paradies gehockt hat bzw. geschwebt ist.
Vielleicht hätte ich schon in meinen früheren Ehen diese Kraft aufbringen sollen und damit auch diese Beziehungen schön und tragfähig gestalten können. Heute denke ich, so schlecht waren sie nicht. Ich aber habe ihnen schließlich keine Chance gegeben. Weil ich auf dem Paradies bestand.

Nun habe ich es gefunden und habe erlebt, dass es doch irgendwann verblasst und dass wir nach ein paar Jahren genauso dastehen wie Leute, die dieses Paradies nicht miteinander erlebt haben. Und auch wir können heute nur mit Anstrengung, mit Phantasie und mit der Bereitschaft, die Beziehung wirklich ernst zu nehmen, aus unserem Zusammenleben etwas Befriedigendes, Glückliches, Verlässliches machen.
So sicher es ist, dass das Paradies nicht von Bestand sein kann, so sehr bin ich heute aber auch davon überzeugt, dass eine Beziehung deswegen nicht automatisch vor den Hund gehen muss.
Diese Investition wäre mir noch wichtig.

.

Die Befreiung der Sexualität hat nie wirklich

stattgefunden - Unterm Strich - X.

 

Vereinigung

Wir liegen eng umschlungen
Haut an Haut und20031202-erotik1.jpg
Mund an Mund und
Fleisch an Fleisch.
Und Stirn an Stirn.
Dein Auge lächelt.
Ich kann mich sehen
dort in deinem Blick.

Ich sehe glücklich aus.

Wenn ich dann deine warme Hand
an meiner Möse spüre,
und wenn ich deine
dicht behaarte Scham berühre,
und deinen Schwanz,
der mich bereits erwartet hat,
dann fühle ich es wie Gesang
in mir, ein Schluchzen
und ein bitter süßes Sehnen,
das immer süßer wird
und immer wilder,
ein Sog, der mich hinwegspült,
keine andre Wahl erlaubt,
als dass ich der Begierde folge und
atemlos und wie von Sinnen
in diese Schlucht hinunterstürze.
Zu dir.
Ich falle schwerelos hinab
in einen weiten, dunklen Grund,
den immer wieder grelle
Blitze überschütten und der
am Ende dann von Lichtern
gänzlich überströmt
für eine kurze Weile
fast dem Himmel gleicht.

Wenn du dann still
in meinem Leibe ruhst,
so spricht dein Schwanz zu mir
so sanft. Gerührt
empfange ich die Botschaft
und sende voller Zärtlichkeit
an dich zurück, was meine Seele
und jede Faser meines Körpers
sagen will.
Dass ich dich liebe.

A. Menke

Viele Jahre meines Lebens, immer wieder in langen Phasen zwischen zwei Liebschaften oder auch nach den ersten zwei, drei Jahren einer festen Beziehung war mir Sexualität so entfernt und fremd, dass ich gar nicht glauben konnte, dass sie für andere Menschen wirklich eine reale Kraft ist, die ihr Leben bestimmt.
Und obwohl ich in meinen aktiven Phasen das selber genau so empfand wie alle anderen und meine Sexualität in mir lebte wie ein kleines, gieriges und gleichzeitig sehnsüchtiges Tier, dass ich pflegen und streicheln, ernähren und beruhigen musste, entfielen mir immer wieder für Jahre das Wissen um diese Realität und die Gewissheit der körperlichen Gefühle und Sehnsüchte. In diesen Zeiten betrachtete ich das turtelnde und aufreizende Treiben um mich herum mit Skepsis und der festen Überzeugung, dass sich die ganze Welt in diesem Punkt selber eins in die Tasche lüge. Sexualität war dann für mich ein nicht wirklich existierendes Phänomen, etwas von den anderen Erdachtes, was sie wie ein Spiel betrieben, ohne wirklich einen Ball zu haben.

Doch irgendwann wurde jedesmal mein Sexualtrieb wieder geweckt, meist ja von irgendeiner neuen Liebesbeziehung. Und dann gehörte das sexuelle Empfinden zu meinem Alltag wie das Essen und das Trinken, wie das Atmen müssen, als immer wiederkehrendes, alltägliches und – wenn unerfüllt – recht heftiges Bedürfnis. Und dann verstand ich meine sexuelle Blindheit der langen Zeit davor nicht mehr.
Warum ist das so gewesen? Mein Mann würde sofort meine katholische Erziehung anführen. Vielleicht hat er nicht ganz Unrecht. Empfindlich für Widersprüche und Scheinheiligkeit habe ich als Kind immer wieder darüber nachgegrübelt, wieso etwas, was Sünde und verboten war, etwas, was die heilige Jungfrau Maria wegen der offensichtlichen “Dreckigkeit” von Sexualität einfach mittels des Engels Gabriel übersprang, um Jesus bekommen zu können, wieso genau das dann in einer Ehe auf einmal gut sein sollte, sogar Pflicht, wie ich hörte und von Gott gesegnet. Da stimmte irgend etwas ganz und gar nicht, fand ich schon als Kind. Entweder war Sexualität so natürlich wie das Essen und Trinken und Atmen oder es war ein Hirngespinst, eine schlechte Angewohnheit, ein Laster. Ich entschied mich mit dem Kopf dafür, Sexualität als natürlich anzusehen und den lieben Gott nach Hause zu schicken samt seiner Kirche und seinen angeblich über jede Sexualität erhabenen Priestern, die heimlich uneheliche Kinder in die Welt setzten. Aber fühlen konnte ich sie lange nicht wirklich.

 Dann kam die sogenannte sexuelle Revolution, die uns befreite von Doppelmoral und einem Leben im Verbotenen, die es ermöglichte, als 20jährige die Pille zu bekommen und den alten “Fluch” freier Sexualität, die ungewollte Schwangerschaft, als biografisches Risiko auszuschließen. Der Weg zur Lust war frei.
Aber der Druck, die Pflicht, der Gruppendruck blieben, sie hatten nur andere Gesichter. Befreit waren wohl möglich die Männer. Ich als Frau erlebte diese Befreiung zwiespältig: Ab jetzt war frau einfach out, wenn sie an Sexualität kein Interesse hatte. Ab jetzt galt es als Qualität, viele und aufregende sexuelle Erfahrungen zu machen, obwohl der “gute Sex” noch gar nicht erfunden war.

Wir hatten weder gelernt, dass Sexualität etwas ist, was man lernen muss, noch dass es eine individuelle Ausdrucks- und Erlebnisweise der Sexualität gibt. Wir hatten nicht gelernt, nein zu sagen, wenn wir nicht wollten und ebenfalls nicht, unsere Bedürfnisse zu zeigen und offen auszusprechen. Und ich habe die Zeit in den 68ern verpasst, wo in Frauengruppen die eigene Sexualität in beherzten Entdeckungsreisen zur eigenen Vagina neu begriffen wurde. Damals fand ich das albern und fühlte mich darüber erhaben.
Die sexuelle Welle rollte so dahin. Mir brachte sie leider für etliche Jahre sexuelle Apathie und Angst in meiner ersten Ehe ein, weil ich mich gefangen fühlte im Wissen darum, dass dieses Selbstverständliche verdammt noch mal eben selbstverständlich war und ich mich dem zu beugen hatte. Ich hatte einfach kein Recht dazu, keine Lust zu haben.

Warum ich trotzdem in der Lage war, mit neuen, anderen Lovern sexuelle Lust (wieder-)zu erleben, habe ich lange nicht begriffen.
Meinen ersten Orgasmus erlebte ich erst mit 30, viele Jahre später, als ich endlich gelernt hatte, zu onanieren und zu begreifen, dass es sich um meine Lust handelt und nicht darum, einer anderen Lust zu dienen.
Die Bücher von Shere Hite waren für mich in den späten 70ern wahre Entdeckungen. Endlich sprachen zumindest andere Frauen offen über ihre Sexualität und der Zwang in mir, irgend eine Norm erfüllen zu müssen, ließ deutlich nach. In meiner neuen Frauengruppe befassten wir uns nicht mit unserem Körper aber wir begannen, über Sexualität zu reden und die der Männer zu erforschen. Wir begannen, in der ganzen Angelegenheit eine aktive Position zu beziehen.

 Die Unterschiede männlichen sexuellen Begehrens und sexueller Aktivität zu denen der Frauen wurden mit immer klarer: Immer glaubten die Männer, durch Sexualität Beziehungsprobleme lösen zu können, während ich meinte, erst sprechen, mich austauschen, mich meiner und seiner Gefühle vergewissern zu müssen, damit ich wieder Lust haben und mit ihm schlafen konnte. Solange es nicht erforderlich war, Probleme zu kommunizieren, klappte die Sexualität gut. Dann aber versiegte sie, weil mir mein Gefühlstau an Konflikten, Unzufriedenheit und Ärger über den Partner den Weg zu einer unbeschwerten gemeinsamen sexuellen Kommunikation verwehrte.
Das ist bis heute so geblieben.

 

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 Inzwischen ist Sexualität in der Gesellschaft zu einer allgegenwärtigen Angelegenheit geworden. Etwas zu verschweigen oder die Intimität zu wahren hält kaum mehr jemand für notwendig. (Die romantische Gegenbewegung ist allerdings auch nicht zu übersehen. Bald wird es wieder etwas gelten, als Jungfrau zu heiraten.)
Kaum ein Roman, der heute geschrieben wird, verzichtet auf ausführliche, möglichst drastische und an die Ekel- oder Schmerzgrenze gehende Schilderungen von Sexualität. Gekratzt und gesucht wird nach Tabus, die man noch brechen kann.
Als ich vor ein paar Jahren die Elementarteilchen und von
Michel Houellebecq las, begegnete ich der skurillen Karikatur einer Sexualität, wie ich sie in dieser Gesellschaft immer wieder empfunden habe: eine aus allen menschlichen Zusammenhängen herausgelöste verselbständigte Technik von dauernder und unersättlicher, weil nie wirklicher, auch emotional befriedigter Lust. Und die Lektüre dieser Sex-Szene hatte wenig Anmachendes sondern erzeugte eher Langweile und Ungeduld in mir.
Berührt hat mich aber dabei, dass diese Sexualitätskultur nicht in Gewalt und Unterdrückung mündete, sondern wie ein großes, höfliches Gesellschaftsspiel praktiziert wurde, auf der Basis von Toleranz und Respekt, basierend scheinbar auf einer Vereinbarung, sich gegenseitig instrumentell zur Verfügung zu stellen, um die ständig bestehende Bedürftigkeit zu befriedigen. Gefühle und Empfindlichkeiten hatten dabei keinen Platz, auch keine Eifersucht.
Fast kam es mir so vor, als ließe mich dieser Autor durch einen utopischen Park der Menschheit wandern, in dem die Erfüllung aller Sehnsüchte endlich erlaubt und Scheinheiligkeit und Eitelkeit verbannt schienen. Ein friedliches Bild. Und es irritierte nur ein klein wenig, dass die Menschen sich an jeder Wegbiegung fickten. Eine Art menschliches Paradies, so schien es fast.
Aber immerhin wird bei
Michel Houellebecq die ganze Brüchigkeit dieses scheinbaren Paradieses markiert: Als die körperlich ziemlich anstrengenden Praktiken bei der Protagonistin eine körperliche Verletzung auslösten und sie fortan an den Rollstuhl ketteten, konnte ihr Freund aus dem Zirkel seiner Pseudobefriedigung nicht ausbrechen und ließ sie allein. Und sie, die nichts anderes erwartet hatte, nahm sich das Leben.

Ich teile diese implizite Botschaft:
Sexualität kann, so denke ich, sehr wohl auch Selbstzweck sein, für Männer wie für Frauen, aber wenn dieser Selbstzweck sich ablöst und eine zwischenmenschliche Beziehung, die mehr beinhaltet als sexuelle Befriedigung, nicht zulässt, ist dieses Paradies erbärmlich.
Sexualität ist in unserer Gesellschaft längst zur Ware geworden, deren Qualitätsmerkmale allgemein bekannt und bindend sind: Sexualität ist an Attraktivität, an Schönheit, an bestimmte live style-Merkmale gebunden. Sie ist in ihrer vermarkteten Allgegenwart allmählich ziemlich lästig. Und ich frage mich oft, wer da wirklich bedient wird? Die Wirtschaft natürlich. Aber vielleicht auch viele Männer, deren sexuelle Bedürfnisse offenbar an allen Ecken angestachelt werden. Aber die Frauen? Ihnen wird wieder einmal vorgegeben, wie sie zu sein haben, um selber solche Bedürfnisse auszulösen. Und alles, was man dazu braucht, gibt es natürlich zu kaufen. Doch, ich muss es eingestehen, ab und an gibt es auch mal den Versuch, Frauen als sexuell aktive und fordernde Wesen darzustellen. Aber auch das wird für viele Frauen eher einen Leistungsdruck auslösen als so etwas wie Selbstbewusstsein. An die Männer, die unter Druck stehen, weil sie nicht diese Sexprotzen sind oder sein möchten, wie sie von allen Plakaten heruntergrinsen, wage ich gar nicht zu denken. Ich weiß, dass es sie auch gibt. Aber was solls: Die Scham ist wahrhaftig vorbei, im Guten wie im Schlechten. Aktive und “gute” Sexualität gilt als Muss und als ein Zeichen für Vitalität und Attraktivität. Und genau deshalb ist Sexualität keineswegs befreit und hat so auch wenig Befreiendes.

Und dennoch: Viele Jahre meines Lebens habe ich so empfunden und denke, es wäre schön gewesen, es immer zu wissen:
Sexualität ist nicht alles. Und nicht alles ist durch sie bestimmt. Aber sie gehört zum Leben wie das Essen und Trinken und Atmen. Sie dient vordergründig der menschen Fortpflanzung, so wie die anderen natürlichen Bedürfnisse dazu dienen, das Leben zu erhalten. Aber sie ist ebenfalls Quelle von Lust, von lustvoller Erfahrung des eigenen Körpers und der eigenen Person und gleichzeitig eine wunderbare Chance, diese Lust mit einem anderen Menschen gemeinsam zu erleben.

Und in diesem Sinne hoffe ich, dass Sexualität, meine ganz eigene, die, die ich als lustvoll und befreiend empfinde, mich auch im Alter weiter beglücken wird.

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Bringeschuld Attraktivität - erledigt! -  VIII.

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vergänglichkeit der schönheit

Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand
Dir endlich mit der zeit um deine brüste streichen /
Der liebliche corall der lippen wird verbleichen;
Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand /

Der augen süsser blitz/ die kräffte deiner hand /
Für welchen solches fällt / die werden zeitlich weichen /
Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen /
Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.

Christian Hofmann von Hofmanswaldau (1616-79)

 

Die Schönheit ist die Potenz der Frau.

Um sie wird ein furchtbares Gewese gemacht, auch und gerade von uns selbst. Um ihr langsames Verschwinden noch mehr. Irgendwann fängt frau an, jünger aussehen zu wollen. Attraktivität wird anstrengend, wird zum ständigen Leistungsprogramm. Erfolge sind heute freilich viele Jahre noch durch Mühe und Aufwand möglich. Es gibt Zeiten, wo frau sich sogar attraktiver findet als in jungen Jahren, reifer, ausdrucksvoller, erfahrener, wo sie lacht über die glatten, schönen aber puppenhaften Gesichter der Jugend.
Später geht dann der Kampf darum los, doch wenigstens noch so auszusehen wie vor drei Jahren. Auch den kann man gewinnen. Nur sind es jedes Jahre andere drei Jahre. Irgendwann muss sie es sich eingestehen: Sie wird von den wenigsten Männern überhaupt noch zur Kenntnis genommen, von älteren vielleicht, von solchen, die 10 Jahre älter sind als sie. Die Gleichaltrigen würden sich nie mit so alten Weibern abgeben.

 Der Blick in den Spiegel zeigt untrüglich eine ältere Frau. Der Hals und die Hände können am schlechtesten lügen. Auch die Haut, mit 50 vielleicht noch erstaunlich glatt “für dieses Alter”, nimmt sich dann eben mit 60 ihr Recht darauf, zu zeigen, dass sie längst nicht mehr im Dienst ist, im Dienst der gegenseitigen Geschlechteranziehung, der Verpflichtung zur Attraktivität.

Das Auge der Liebe kann all das dennoch mit Freude sehen, kann sehen, was war und das mögen, was ist. Das ist schön und ein Geschenk. Aber ansonsten ist sie so gut wie ausgeschieden aus dem ewigen Reigen. Warum eigentlich auch nicht?
Ich weiß, dass ich nie zu den alten Damen gehören werde, von denen man sagt, dass man noch sieht, dass sie einmal schön waren, auch nicht zu denen, die eine vitale und charmante Ausstrahlung haben. Ich war in meinem Leben viel zu viel traurig, viel zu oft sauer, viel zu sehr enttäuscht. Und nicht die glücklichen Momente finde ich eingegraben in meinen Zügen sondern die anderen. “Warum gucken Sie immer so böse?”, werde ich manchmal gefragt. Ich stelle fest: ich sehe einfach jetzt so aus. Ich bemühe mich zu lächeln, damit man nicht denkt, dass ich böse sei. Aber immer geht das nicht.

 Noch vor drei, vier Jahren bin ich jedesmal zusammengezuckt, wenn ich mein Gesicht im Spiegel neben dem meiner Tochter gesehen habe. Diese Glätte, diese ungetrübte Schönheit, dieser Lockruf an das Leben! Und ich daneben, müde, ernst, geschafft, mit unerwünschten Falten um den Mund!
Wenn ich mein Gesicht heute im Schaufenster sehe, schaue ich jetzt manchmal sogar neugierig hin, statt vor meinem Anblick zu erschrecken. So also ist das, alt zu werden.
Dass ich für Männer unter 55 unsichtbar zu sein scheine, empfinde ich nicht mehr verletzend, sondern beinahe angenehm. Ich muss mich nicht mehr anstrengen, ihnen zu gefallen. Ich muss mich nicht mehr vergleichen mit anderen Frauen, mit attraktiven Frauen, schon gar nicht mit jungen Frauen. Ich versuche möglichst frisch und jung zu sein und zwar für mich selber. Ich versuche es, um meiner Freude am Leben Ausdruck zu verleihen und vielleicht für den, der noch sieht, das ich eine Frau bin.

 Die Frage, wie ich aussehe, interessiert mich inzwischen weniger als die Frage, wie die Welt um mich herum aussieht. Ich bin dankbar, dass meine Augen die Welt noch sehen können, dass ich den Wind noch spüren kann, dass ich noch Musik hören und mit meiner Blockflöte himmlische Klänge erzeugen kann, die so jung klingen, als würde eine 15 Jährige sie erzeugen.

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Die Kinder sind wieder fort - VII.

Gedanken an die Tochter
Die Jahre, die ich ganz in deiner Nähe war,
sind längst Vergangenheit.
Die Zeiten, wo ich hätte
meine Tochter trösten können,
sie sind vorbei und sind vielleicht vertan.
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Mir bleibt es nur, zu wünschen und zu hoffen,
dass dir das Leben nicht nur Wunden schlägt
und irgendwann die Liebe dir begegnet und auch bleibt
und zart und so, wie Mütter und Geliebte es nur können
mit sanfter Hand die Tränen dir von deinen Wangen streift.

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Mechthild Seithe

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Mit sechzehn hatte ich beschlossen, keine Kinder zu kriegen. Mit 30 fing ich an, mich nach einer eigenen Familie zu sehnen. Ich hatte den Wunsch, Kindern diese Welt zu zeigen, die Schönheiten und all das, weshalb es sich lohnt, zu leben. Ich hatte die Vorstellung, sie schützen zu können vor dem, was diese Welt an Hässlichkeiten und Brutalitäten zu bieten hat. Zumindest traute ich mir zu, sie widerstandsfähig und stark zu machen.

Viele Jahre meines Lebens war dann Familienzeit. Das Kinderhaben dominierte mein Denken und die Zeit, die mir neben der Arbeit blieb. Es gab viele wunderbare Erfahrungen und Momente in dieser Zeit. Unsere Fotoalben sind voll mit Bildern der drei Kinder.
Neulich habe ich zur Vorbereitung meines 60. Geburtstages Fotos von mir gesucht und festgestellt, dass in all diesen dicken bunten Alben fast keine Bilder von mir sind.

Die Phase meines Lebens, die ich vor allem Mutter sein sollte, habe ich genossen. Sie hat aber auch an meinen Kräften gezehrt.
Die gesellschaftliche Anerkennung, die ich plötzlich abbekam, seit und weil ich nun auch Mutter war, hat mich irritiert. Ich hatte nie das Gefühl, nun endlich ein Ziel erreicht zu haben, eine Erfüllung zu erleben, die mir gefehlt hatte. Ich identifizierte mich weiterhin mit Frauen, die als Frauen und nicht als Mütter ihr Leben meisterten.
Für mich hat das Kinderkriegen nie notwendig zum Leben gehört oder gar zu einem erfüllten Frauenleben.

 Dennoch habe ich also drei Kinder bekommen und sie inzwischen auch groß gekriegt. Die Ältesten sehe und spreche in großen Abständen, weiß ein wenig von ihrem Leben, aber das Wichtigste weiß ich wahrscheinlich nicht.
Die Jüngste wird im Herbst anfangen zu studieren. Im Vorfeld braucht sie mich noch sehr. Das Große, Neue vor ihr, macht ihr noch ein wenig Angst, sie möchte wie ein Kind gestützt und getröstet werden. Aber ich denke - und hoffe - dass ihr neues Leben sie mitreißen und auch von mir und meinem Rockzipfel fortreißen wird.

Dann wird es auch für sie gelten: Ich bin für meine Kinder nicht mehr alltäglich nötig und auch nicht mehr wirklich wichtig für ihr Alltagsleben (vielleicht noch wichtig im Hintergrund, das schon) und ich bin darüber - ehrlich gesagt - eher erleichtert.
Als ich 43 war und an einer scheußlichen Migräne litt, tröstete mich eine Ärztin mit der Vermutung, dass diese Migräne aus meinem Leben wieder verschwinden könnte, wenn meine Kinder älter sein würden.
So war es. Weit über 24 Jahre lang war mein Leben von den Kindern bestimmt, beeinträchtigt, natürlich auch beglückt, erfüllt…. Als es nun vorbei ging, fand ich wieder zu mir.

Natürlich mache ich mir auch heute Sorgen um sie, bin bedrückt, wenn es ihnen nicht gut geht, freue mich, wenn sie vorbeikommen oder anrufen, wenn ich sie sehe.
Wenn sie mich brauchen, stehe ich auf der Matte, natürlich. Ich bleibe ja ihre Mutter und stehe auch dazu. Und ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, dass ihr Leben erfüllt sein möge.

Aber auch in meinem Leben spielen sie nicht mehr die Hauptrolle. Ich bin längst wieder nicht mehr nur Mutter sondern eine Frau mit einem eigenen Leben.

Irgendwo in mir steckt die Sehnsucht nach einer anderen Beziehung zu meinen Kindern, einer eher freundschaftlichen, einer, die nicht nur auf der Mutter-Kind-Beziehung basiert sondern darauf, dass wir uns gegenseitig wirklich sympatisch sind und uns was zu sagen haben. Vielleicht gibt es sowas. Vielleicht ist das eine Illusion und all die vielen Familienzusammengehörigkeitseuphorien um mich herum beruhen eben doch nur darauf, das Blut dicker ist als Wasser.

Natürlich liebe ich meine Kinder. Aber ich stelle fest, dass sie wenig mit mir wirklich teilen.. Sie wissen nicht, was mich bewegt. Und wenn ich es ihnen versuche zu sagen, hören sie weg, so wie sie immer weghörten, wenn Mutter was erzählte. In unserer Verbindung war alles darauf ausgerichtet, dass es ihnen gut ging, nicht mir. Ich spüre nicht, dass sie wirklich Interesse an dem Menschen haben, der ich heute bin, an meiner Arbeit, meinen Gedanken, meinen Befürchtungen, an meinem Glück. Wenn sie sagen, dass sie mich lieben, so gilt das der Mutter, die ich für sie war und irgendwo im Hintergrund immer sein werde. Nicht aber mir als Mensch. Für sie bin ich nichts als ihre Mutter. Ihre Mutter und ich, dass ist nicht ganz und gar die selbe Person.
Ich nehme es ihnen nicht übel. Dennoch macht es mich traurig.

Ich bin in meinem Beruf tagtäglich mit jungen Menschen zusammen. Inzwischen sind meine StudentInnen durchweg im Alter meiner Kinder. Und ich lerne hier junge Menschen kennen, die ich interessant, sympatisch finde, von denen ich mir wünschen würde, dass sie mir vertrauter wären, mit denen ich gerne befreundet sein würde.
Natürlich bin ich Mutter meiner Kinder und würde immer zu ihnen stehen, für sie da sein, wenn sie mich brauchen, aber ob ich wirklich mit ihnen befreundet sein möchte, ich weiß es nicht.
Sicher wären Sie traurig oder eifersüchtig, wenn sie das wüssten.

Vielleicht habe ich da was falsch gemacht. Mag sein. Aber es ist nun so wie es ist und ich bin nicht mehr nur das Muttertier und auch nicht das Korn, dass sterben muss, damit das junge Pflänzchen aufgehen kann, ich bin wieder ich.

Enkel habe ich keine, sind auch keine in Sicht. Ich weiß, dass sich dadurch manches ändern kann und könnte. Ich kenne so viele Menschen in meinem Alter, die durch das Erleben des Heranwachsens der nächsten Generation eine Erfüllung in ihrem Leben finden. Ich vermisse es nicht. Wenn es so käme, ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde.

 

Schöne neue Welt -  VI.

 

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m.s. Wien

 

An die Nachgeborenen
Dies ist keine Welt,
die wir euch mit Stolz hinterlassen.
Dies ist das Reich des Wolfes im globalen Pelz.
An seinem Hof herrscht der allmächtige
Spaß, und das Gerappel der Kassen
füllt die Hirne und Herzen.
Wir haben versucht, unsere Welt zu verändern.
Darüber sind wir alt geworden.
Diese hier wollten wir verhindern.
Es ist uns nicht gelungen.

Heute gehe ich angewidert und tatenlos
ein und aus in der plastikknisternden Welt
des Wolfes. Hofnärrin und müde.
Das Leiden der Menschen sehe ich
auf dem Bildschirm und manchmal
an den Straßenecken. Noch immer
schlägt dann mein Herz die Hände
vors Gesicht und weint. Ihr aber
schreitet achselzuckend mitten durch.
Das macht mich traurig.

Mechthild Seithe

Wir wollten eine andere Welt, als wir 68 wach wurden und die Augen aufrissen.
Unsere Kämpfe und Bemühungen haben eine Epoche eingeleitet, die sich mit ein paar Jahrzehnten Verzögerung nun gegen uns und gegen die Menschheit richtete:
Der Markt, immer erkannt als der Feind wirklicher Menschlichkeit, aber wie es uns schien, gezähmt durch die Absicherungen und Eindämmungen des Sozialstaates, den wir glaubten mit gestaltet zu haben, dieser Markt übernahm vor etwa 15 Jahren im vollen Umfang die Weltherrschaft.
Als das große Experiment der Menschheit im 20. Jahrhundert, der Versuch einen anderen Weg für die Welt zu wählen als die Allmacht des Marktes, einen Weg, der versuchte, Gerechtigkeit und Menschlichkeit umzusetzen und die Klasse der Besitzenden abzuschaffen, damit alle besser leben könnten, als dieser Versuch einer sozialistischen Gesellschaft kläglich und bitter scheiterte, konnte der Markt endlich frei durchatmen und seine Fesseln sprengen.
Seit dem scheint er nicht mehr zu halten: Alles was Profit bringt, ist in Ordnung, ist notwendig. Egal, was mit den betroffen Menschen passiert, egal was mit den Produkten angerichtet wird, egal, wen es trifft, egal wohin es führt. Selbst die wenigen Versuche, der gegenwärtigen Gesellschaft, die verheerenden Perspektiven der von Menschen eingeleiteten Umweltkatastrophen einzudämmen, führen unter der Regie des Marktes zu noch größeren Katastrophen: U.a. weil die Amerikaner jetzt Biosprit fahren wollen, um die Umwelt zu schonen, bricht in vielen Teilen dieser Erde eine neue Hungerkatastrophe aus.

Man versucht es uns weiszumachen - aber nein, wir leben nicht in einer globalen, einheitlichen Menschheit: sie ist geteilt in arm und reich und sie ist aufgeteilt in die erste Welt, die zu jedem Preis die erste bleiben will, die neuen Industrieländer, die ihrerseits die ersten werden wollen und angesichts ihrer Produktivität und ihrer Menschenmassen es wohl auch schaffen werden und in die dritte Welt, die für all das zahlen soll. Und diese Fronten und Interessengegensätze werden mit Kriegen ausgetragen: Mit Waffen und mit Lebensmittelpreisen, mit Guantanamo und mit der Jagd nach Andersdenkenden.
Und niemand hier in unserem lieben, befriedeten Deutschland nimmt davon Kenntnis. Der Quark wird teuer. Ärgerlich für die Hartz IV Empfängerin, ärgerlich auch für mich. Aber warum sollten gute Nahrungsmittel billig sein? Dass in Südamerika und Taiti die Menschen vor Hunger anfangen, die Läden zu plündern, kommt vielleicht als aufreizendes Foto mal am Rande in der Tagesschau. Aber wen juckt das?
Wenn heute in Deutschland die Arbeit weggenommen wird, freuen sich die Menschen in einem anderen Land, dass dort Arbeitsplätze geschaffen werden. Wenn heute hier die Arbeit weggeht, kann man mitgehen und dann eben in China leben. Alles scheint denkbar. Die Risikogesellschaft macht fast alles möglich. Es gibt kaum noch Grenzen, weder real noch finanzielle noch moralische.
Die Jungen krempeln die Ärmel auf und versuchen in diesem breiten, reißenden Strom zu schwimmen. Viele erreichen irgendwo ein fruchtbares Ufer. Andere werden untergehen.

Armut in Deutschland


Mit dem Kapitalismus der 70er und 80er Jahre lebte ich nicht gerade ausgesöhnt aber doch so, dass ich meine Freiheit genießen, mein anders Denken bewahren und dabei gut leben konnte.
Die heutige Welt aber macht mir Angst. Ich fürchte, meine Kinder werden in einer toten, formalistischen, in einer entmenschten Welt leben und sich in einer von brutalen Angriffskriegen geprägten Zeit
über Wasser halten müssen, in der die westliche Welt ihre Überlebenskämpfe ausführt.

Und ich habe Angst, dass sie und all die anderen das gar nicht merken, weil sie es nicht anders kennen und keine Alternative wissen. Und auch keine träumen.
Der Markt ist inzwischen in allem gegenwärtig und gilt als Motor, als Seele jeder Entwicklung.
Der entfesselte Kapitalismus kam von Anfang an daher wie eine Naturgewalt: nationale Grenzen schwanden, die Globalisierung stand ins Haus und die technischen Erfindungen unserer Zeit, die Zeit- und Raum überwindende Technik des Internets, die Computer, die Logistik, die Länder und Kontinente zusammenschrumpfen ließ und schließlich die Gentechnologie ließen sich weder bremsen noch kontrollieren. Sie waren da. Und wie am Beginn der Menschheit die Beherrschung des Feuers alles auf den Kopf gestellt haben dürfte, was bis dahin gegolten hatte, so ist es auch heute. Nichts ist wie vorher. Nichts scheint mehr zu gelten. Bewährte Sicherheiten und moralische Festungen lösen sich auf. Wer sagt, dass die Welt gerecht sein sollte? Wer sagt, dass alle Menschen einen Anspruch haben, in Würde zu leben? Die Ungleichheit zwischen den Menschen ist der Motor für den Fortschritt der Menschheit, sagen statt dessen die Diener und Dienerinnen des Marktes.

Die alte Welt, allen voran die USA versucht längst – nachhaltig – ihre Vormachtstellung und ihren Reichtum in dieser Welt zu sichern, indem sie sich die Zugänge für Rohstoffe unter den Nagel reißt. Wenn es sein muss, durch Krieg, durch Betrug, durch die Unterstützung von Kräften, die die Menschen unterdrücken und auspressen. Und all das wird moralisch verkauft als Kampf gegen den angeblich so teuflischen Terrorismus, als menschliche Geste und Verantwortung dafür, dass die Welt demokratisch, friedlich gestaltet wird. Tatsächlich ist es der Versuch, die Welt so hinzukriegen, wie sie am besten in die eigene Vorstellung passt.

Wenn Sie ehrlich wären würden Sie Klartext reden: “Würdest du nicht auch kämpfen, wenn am Horizont ärgerliche, hungrige, verzweifelte Leute auftauchen, die dir deinen Hof und dein Gut streitig machen könnten? Würdest du nicht auch versuchen, den anderen ihre Schätze wegzunehmen, wenn du keine mehr hast, mit denen du dein bisheriges Leben weiterfinanzieren kannst. Jeder ist sich selber der Nächste. So war es immer. Alles andere ist Geschwätz.“

Fast wäre mir eine Welt lieber, in der die Motive für das so offen ausgesprochen würde. Statt dessen wird die westliche Welt hingestellt als Hort der Menschenwürde, die es überall zu verteidigen gilt: am Hindukusch, in China, im Iran, …..

So wurden alle Kriege begründet seit Menschengedenken. So outet sich der Mensch als Tier, dass seine Teretorien verteidigt ohne Rücksicht auf Verluste. Nur würden Tiere dies nicht präventiv machen sondern erst, wenn sie sich wirklich bedroht fühlen. Aber wozu hat der Mensch seinen Verstand?

Aber würde sein Verstand es nicht auch hergeben, eine Welt zu schaffen, die anders, wie man so schön sagt “menschlich” funktioniert? Hatten wir nicht vor Jahrhunderten schon die Aufklärung? Hatten wir nicht schon genug Bewegungen, Philosophien, Gesellschaftstheorien, die weit über dieser Rudeltheorie standen, die der entfasselte Kapitalismus heute verbreitet - mit  weissgepuderten Pfoten und mit Kreide in der Kehle? Und der die Welt damit paralysiert wie King Kong hinter seiner Mauer das Eingeborenendorf?

Diese neue Welt ist mir fremd, bereitet mir Magenschmerzen, ödet und ekelt mich an.
Ich habe das Gefühl, dass am Ende meines Lebens alle unsere Hoffnungen und Ziele ihrer Erfüllung nicht näher gekommen, sondern ganz weit weggerückt sind.

Vielleicht liegt dieses Gefühl auch einfach nur daran, dass ich mich als “Alte” ausgeliefert fühle, nicht mehr viel machen kann, keinen Einfluss mehr habe, nur noch warne und aufkläre, aber nicht gehört werde.
Es ist um mich zu laut. Es ist nicht mehr meine Welt. Sie gehört den Jungen. Klar. Aber das kann ich durchaus akzeptieren.

Schlimm ist nur: was wir den Jungen da überlassen, ist ein trauriges und bedrohliches Kapitel der Menschengeschichte.

Es ist nicht so, dass alle die Kälte und gesichtslose Härte des entfesselten Kapitalismus bejubeln. Es zeigen sich Gegenreaktion, z.B. eine Welle der Entdeckung religiöser und esoterischer Lebenserfüllung. Es entstehen kleine, in sich geschlossene und brave, keineswegs  aufsässige oder gar revolutionäre Bewegungen, wenigsten im kleinen Raume Menschlichkeit zu verwirklichen.
Auch das konservative und zum Teil faschistische Gedankengut, was sich in unserer Gesellschaft wieder breit macht, die Akzeptanz und Duldung von Gewalt gegen Schwächere aller Arten, diese latente Akzeptanz in der Bevölkerung aber auch in der Politik und z.B. bei der Polizei, diese Gewalt und Kaltschnäuzigkeit scheinen mir  Zeichen dafür, dass die Menschen sehr wohl  reagieren auf diese neue Markt gesteuerte Kälte. Aber das Schlimme ist: Sie reagieren jenseits von Menschlichkeit und allen Errungenschaften der Aufklärung. Der Aufstand gegen die Kälte der turbokapitalistischen Gesellschaft kommt eher von rechts. Aber wir wissen es ja, der Markt konnte mit konservativen und speziell auch mit faschistischen Bewegungen schon immer viel anfangen.
Ich fühle mich umstellt.

Aber ich werde nicht wegsehen. Ich werde meine letzten Jahre auf dieser Welt nicht ohne Blick auf die Realität unserer Gesellschaft leben können. Schweigen wäre das Ende.

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Frauen-Emanzipation, Schnee von gestern? - V.

Schneewittchen
Schneewittchen, zerschlag
deinen gläsernen Sarg,
wie liegst du denn da, blass und kalt.
Würg schnell den vergifteten Apfel heraus,
stoß den Sargdeckel auf mit Gewalt.

Drum zerschlag deinen Sarg nicht
so zart, du bist stark,
und der lange Schlaf ist nun vorbei,
und der lange Schlaf ist nun vorbei.

Auf den Prinz warte nicht,
der den Zauber durchbricht,
sieh zu, dass du fort bist, eh er küsst.
Steig nicht auf sein Ross,
folg ihm nicht auf sein Schloss,
wo du wieder eingeschlossen bist.

Gruppe Schneewittchen

Als kleines Mädchen habe ich Bücher gelesen, in denen Jungen Abenteuer bestanden. Alles, was mich in der Welt interessierte und reizte, schien den Männern zu gehören.

 

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Alle meine Helden waren Männer. Und ich wusste dabei sehr genau, dass ich ein Mädchen war. Ein Junge wollte ich nie sein. Aber ich beschloss, all diese Schätze und Chancen den Männern abzujagen, ihnen die Zähne zu zeigen, ihre Privilegien zu brechen, ihnen ihre Selbstverständlichkeit, mit der sie den Begriff Mensch und Mann gleichsetzten, um die Ohren zu schlagen.
Wenn mir in meiner Jugend jemand weiß machen wollte, dass Mädchen doch ganz andere, ganz besondere Qualitäten hätten und es deshalb dumm sei, alles zu wollen, was den Männern vorbehalten ist, wurde ich böse. “Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad”, stand bei Anja Meulenbelt und ich liebte diesen Spruch. Ich sehe noch das hilflose Gesicht meines Vaters, als ich ihm diesen Spruch entgegen schleuderte. Er konnte es kaum fassen. In seinen Augen stellte ich offenbar damit die Weltordnung auf den Kopf.

Ich bin weder eine geschlagene noch eine unterdrückte Frau, ich konnte mich selbst verwirklichen und mein eigenes Leben leben. Dennoch war für mich die Frauenbewegung jahrelang die wichtigste und intensivste Bewegung und ich fühlte mich ihr mit einer Intensität zugehörig, wie beinah keiner anderen.
Und auch heute, wo vieles zugegebener Maßen anders geworden ist, wo man fast meinen könnte, dass all meine Mädchenforderungen an unsere Welt erfüllt seinen, auch heute bin ich ab und zu noch immer eine glühende Feministin.

In meinem Psychologiestudium gab es genau so viele Männer wie Frauen. Ich musste mich nicht wirklich mühevoll durchsetzen. Das eigentlich angestrebte Physikstudium hatte ich mir allerdings aus dem Kopf geschlagen, weil ich es mir nicht zutraute, alleine unter lauter Männern zu studieren.
Die Männer, mit denen ich im Laufe meines Lebens befreundet war oder mit denen ich eine Liebesbeziehung eingegangen bin, waren alle Frauen freundlich und keiner hat mich je unterdrückt. Die anderen mieden mich wohl. Schade vielleicht! Eigentlich hätte ich an so einem gerne mal meine Krallen gewetzt.
Ich verdiente später in zwei Ehen das Geld. Ich habe Karriere gemacht und meinem Mann die drei Kinder zu Hause überlassen.

Aber ich habe mich trotzdem immer unterdrückt, zurückgestellt, nicht ernst genug genommen gefühlt als Frau. Es steckte so etwas wie eine Grundverletzung und ein Grundmisstrauen in mir drin. Es war, als könnte ich mich nicht wirklich ernst nehmen, weil ich wusste, dass viele Männer Frauen nach wie vor als Menschen 2. Klasse sahen. Ich wurde im Laufe meiner Frauen bewegten Zeit hoch sensibel für die kleinen Sexismen, die Chauvinismen, die virtuellen Ellenbogen, mit denen sie uns weg schoben und weg schieben, die unverschämte Selbstherrlichkeit, mit der sie im Seminar ihren Unsinn verbreiteten, während die Frauen meist schüchtern oder unsicher schwiegen. Und das ist auch heute so in meinen Seminaren und es ärgert mich stets.

Die Frauenbewegung erreichte mich eigentlich erst richtig Ende der 70er, Anfang der 80ger Jahre. In der linken Bewegung hatte ich sie vermisst, da war sie immer an den Rand geschoben worden. Der Bericht über ein neues Waschkombinats in einer DDR-Stadt, erlauscht im DDR-Radio in einem Urlaub an der grünen Grenze, empörte mich zutiefst: “Vor allem unseren Genossinnen wird das Kombinat das Leben sehr erleichtern”, sagte der Reporter ohne mit der Wimper zu zucken.  Das hat meiner Sympathie für die DDR damals einen herben Schlag versetzt.

Die Emanzipationsbewegung war für mich die zweite, persönlichere Befreiung nach den 68er Jahren. Auch sie machte mich vor allem lebendig, selbstbewusst und kämpferisch. Und das Solidaritätsgefühl unter Frauen habe ich als wohltuend, als tröstend erlebt. In unseren Gemeinschaften blieben sehr oft auch auf lange Strecken Konkurrenzdruck und heimliche Kämpfe um Posten und Wichtigkeit aus. Im Grunde war die Emanzipationsbewegung für mich eine längst ersehnte Gelegenheit, mich innerlich wirklich nicht nur gleichberechtigt und gleich wichtig zu fühlen, sondern mich auch endlich so verhalten zu können.
“Unter dem Pflaster, ja da liegt der Strand, komm reiß auch du ein paar Steine aus dem Sand”, dieses und die anderen Lieder der Gruppe Schneewittchen sprachen mir aus der Seele. Wir Frauen stellten die männliche Welt als die richtige und beste und nachahmenswerte in Frage. Wir wurden uns unserer eigenen Stärken bewusst. Nach dem Ablegen der Unterdrückung durch eine autoritäre Gesellschaft war es nun an der Zeit, die Unterdrückung abzulegen die die Gesellschaft, die Männer und wir selber uns antaten. Jetzt war es uns nicht mehr genug, als Frau mitmachen zu dürfen. Jetzt konnten wir selber aktiv sein, nicht nur abgeleitete Macht, Stärke und Kompetenz beweisen, sondern eigene entwickeln, eigene Stärke und Macht, die vielleicht auch gar nicht immer so aus sahen, wie die der Männer. Das war der entscheidende Gedanke, dass nicht das Gleichziehen mit dem Mann uns genau so zu Menschen 1. Klasse machte, sondern dass wir diesen gleichen Wert als Frauen schon in uns trugen.

Unter dem Pflaster liegt der Strand
Komm, lass dich nicht erweichen,
bleib hart an deinem Kern,
rutsch nicht in ihre Weichen,
treib dich nicht selbst dir fern.

Unter dem Pflaster,
ja da liegt der Strand,
komm reiß auch du
ein paar Steine aus dem Sand.

Komm lass dir nicht erzählen,
was du zu lassen hast.
Du kannst doch selber wählen,
nur langsam, keine Hast.

Zieh’ die Schuhe aus,
die schon so lang dich drücken.

Lieber barfuß lauf,

aber nicht auf ihren Krücken.

Gruppe Schneewittchen

Auch diese Bewegung differenzierte sich nach einiger Zeit aus.
Eine Menge Frauen fanden Gefallen daran, auf die Welt der Männer ganz zu verzichten, weil sie als Frauen eine ganz andere Welt für sich erobern könnten. Mit der “neuen Mütterlichkeit” z.B. bewegte sich aus meiner Sicht ein Teil unserer Frauen auf einem Umweg zurück an den Ausgang unseres Marsches. Sie fühlten sich gleich wertvoll wie die Männer, vielleicht sogar wertvoller, aber eben anders - und nicht interessiert daran, mit den Männern die Macht zu teilen. Sie besannen sich auf ihre geheimen und besonderen Kräfte als Frauen, schlossen Männer aus ihren Kreisen aus, machten aus der Weiblichkeit einen Mythos. Und landeten da, wo man mich schon als kleines Mädchen hatte hinkriegen wollen, bei den besonderen und von den Männern angeblich so hoch geachteten Werten und Eigenschaften – und Aufgaben – der Weiblichkeit, und bei der Bereitschaft, den harten und schnöden Kampf in der Welt doch lieber den Männern zu überlassen.
Der  andere Teil unserer Bewegung kämpfte sich tapfer hoch, durch die Reihen der Männer, an den Männern vorbei. Und wir wurden durchaus keine Blaustrümpfe dabei. Es krachte in den Balken der Gesellschaft:
Heute haben Frauen Positionen erobert, heute machen sie sehr viel mehr ihren Mund auf, sie verdienen ihr Geld selber, sie pochen auf ihre Gleichberechtigung, sie erlernen sogenannte männliche Berufe und manchmal bleibt sogar ein Vater nach der Geburt des Kindes zu Hause.

 

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Ich will das nicht bestreiten und schmälern, obwohl dieser Prozess natürlich noch nicht abgeschlossen ist: noch heute sind die meisten Schulleiter Männer, noch heute werden Kliniken meistens von Männern geleitet, noch heute verdienen Frauen für gleiche Arbeit oft weniger, noch heute reden in allen Seminaren und in allen Gesprächsrunden Männer mehr und länger als Frauen, noch heute stürzen Männer ihre älter gewordenen Frauen in Lebenskrisen, weil sie meinen, sich mit 50 eine viel jüngere Frau leisten zu können. Und es werden auch heute noch immer Frauen geschlagen, bedroht, für dumm verkauft, sexuell belästigt und angemacht, – von den Männer, mit denen sie es zu tun haben und auch von unserer Gesellschaft selber, die insgeheim natürlich immer noch eine patriarchialische Gesellschaft ist. ….

Einer dritten Variante von Frauenemanzipation bin ich hier in den Neuen Bundesländern begegnet: Dadurch, dass die sozialistische Gesellschaft die Frauen als Werktätige achtete und einplante, ist hier noch immer sehr oft für Frauen klar, dass sie ihr Selbstbewusstsein und ihre Identität vor allem auch durch Arbeit erlangen. Gleichzeitig ist dieses weibliche Selbstverständnis ein abgeleitetes: die Frau erhielt ihren Wert, weil sie in der Gesellschaft an dem Teil des Lebens partizipierte, der traditionell den Männern vorbehalten war. Die Familie, der Haushalt, die Kinder, das war dennoch mehr oder weniger allein ihr Ding. Doppel- und Dreifachbelastungen wurden als normal hingenommen. Ein eigenes, auch gegen die Tradition der patriarchalischen Männergesellschaft (auch im Sozialismus) gerichtetes neues Selbstbewusstsein von Frauen fand ich kaum vor. Der Streit um die weibliche Endung z.B. bei Berufen wurde hier als lächerlich abgetan.  Die Frauen waren stolz darauf Baggerführer oder Lehrer zu sein.

Heute hat sich auch hier ein anderes weibliches Selbstbewusstsein in Grundzügen durchgesetzt. Und die alte gewohnte Selbstverständlichkeit, auch Arbeit und Beruf für sich haben zu wollen, ist noch immer ausgeprägter als im Westen. Und so mache ich mir um die Frage der Frauen zur Zeit weitaus weniger Sorgen als um die Frage der Menschenwürde, Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft und in der Welt.

Und dennoch: Nicht nur, weil die Geschlechtergleichberechtigung noch nicht überall und bei allen gegriffen hat, finde ich mich manchmal geradezu leidenschaftlich auf der Seite von Frauen. Es ist einfach das warme Gefühl der Solidarität unter Schwestern, das mich grundsätzlich parteilich auf ihre Seite stellt.
Den Männern bieten wir  Kooperation an, aber nicht Solidarität. Und mitunter lieben wir sie.

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Die 68er, eine Geschichte, die man den Enkeln

erzählen kann? -  IV.

Demonstration 1968 vor dem Münsteraner Schloss (Unihauptgebäude)

Als ich vor Jahren bei einer Internetplattform nach meinem neuen Lebenspartner suchte, habe ich von mir geschrieben, ich sei eine 68erin und hätte diese Zeit weder vergessen noch verdrängt. Dieser Hinweis war wichtig.

Es ist 40 Jahre her. Überall wird davon zur Zeit gesprochen. Die Medien ereifern sich. Die Alt68er werden begütigend belächelt, sie werden als die Generation beschimpft, die mit ihrer angeblichen Gewaltbereitschaft und ihrem antiautoritärem Gehabe die nächste Generation versaut habe und schuldig sei an allen Problemen, die die Gesellschaft heute hat. Die 68er Jahre werden mystifiziert und glorifiziert, sie werden verdächtigt, verurteilt, verzerrt und verleumdet.
Es kommt mir so vor, als würden sich heute die an uns rächen wollen, die damals unter dem allgemeinen Gruppenzwang, links, revolutionär, aufrührerisch zu sein, gelitten haben und sich mit ihren schlichten Wünschen nach einer konservativen, “heilen” und für sie unbeschwerten Welt damals um die nötige gesellschaftliche Anerkennung betrogen sahen.
Die heutige Wahrnehmung der 68er Generation in unseren Medien ärgert mich. Es steckt so viel Unwissen, soviel Unverstand aber auch so viel Hass darin.
Deshalb ist es für mich wichtig, etwas zu den 68ern zu sagen.

 


 Es war natürlich die Zeit, in der ich jung war, in der mein Leben wirklich begann, in der ich anfingt, die Welt zu entdecken und mich und meine Kräfte dazu. Ein besonderes Zusammentreffen: mein erstes Studiensemester lag im Jahr 1968.
Benno Ohnesorge war erschossen worden. In Vietnam wurde noch immer gekämpft. Ich war 20 Jahre alt.
Was mir mit der 68er Bewegung da entgegen schlug, war für mich die ganz große Befreiung: alles stand auf dem Prüfstand, alles schrie danach, besser gemacht zu werden,  und wir trauten uns genau das zu. Wir ließen nicht nur unsere Kindheit und behütete Jugend hinter uns, sondern auch die Werte unserer Eltern, die Stimmung der Nachkriegszeit, die festgeschriebenen Regeln dazu, wie man zu leben, zu studieren, zu arbeiten und zu lieben hatte. Und dass man diesen Aufbruch als junge Frau genauso intensiv und genauso beteiligt aufgreifen konnte wie die männlichen Kommilitonen, machte die Freude und die Befreiung doppelt so groß!
Politisch war ich eher skeptisch und vorsichtig. Meine geistigen Ziehväter hatten Sartre, Camus, Borchert, Böll und Musil geheißen. Mich für eine Sache so eindeutig und emotional zu engagieren wie die linken MitstudentInnen, mit denen ich bei den Notstandskundgebungen zusammentraf, das wollte ich eigentlich nicht. Es war noch nicht lange her, dass ich mich in kleinen aber konsequenten Schritten aus einer erzreligiösen Katholikin in eine Existenzialistin verwandet hatte. Und ich war verdammt froh darüber.
Deshalb zögerte ich.
Aber allein in diesen Kreisen fand ich kluge, sympathische, lebendige Leute, die sich wie ich für Dichtung und Kunst interessierten, die nicht einfach nur schnell Karriere machen wollten, die wie ich vom Drang erfüllt waren, alles zu verändern und neu zu ordnen.
Als Christin hatte ich mich für Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Frieden und Toleranz engagiert und war dabei unmerklich zu einer Linken geworden. Genau das aber hat es mir dann sehr leicht gemacht, von der katholischen Riege meinen Abschied zu nehmen. Mit Brecht fragte ich eines Tages “Brauche ich einen Gott?” und verneinte diese Frage verblüfft und war frei.
Mit dieser Vorprägung dockte ich nun an die 68er Bewegung an, fand dort zunehmend meine Heimat, meine Freunde, meine Weltanschauung.
Eine gewisse autoritäre, beinahe religiöse Ausstrahlung der damaligen linken Bewegung, die sich mit meinen Bedürfnissen als frisch geschlüpfte Atheistin eigentlich nicht gerade deckte, spürte ich mit Unbehagen aber nahm sie in Kauf.

In den 68ern war es in, alles zu hinterfragen, alles erst einmal auf den Kopf zu stellen, neue Werte zu entwickeln, sich den alten zu verweigern, andere Dinge zu tun als die Generation davor, neue Musik zu hören und zu machen, über alles aber auch alles zu diskutieren, die verrücktesten Ideen zu entwickeln. Neue Formen des Zusammenlebens entstanden. Noch schüchtern meldeten sich auch die Frauen zu Wort. Kinder überließ man nicht mehr öffentlichen Institutionen, sondern versuchte neue Formen der Gemeinschaftserziehung zu entwickeln.
Natürlich waren wir auch nicht gerade sanftmütig. Unsere Aktionen und Proteste waren gegen die autoritären Kräfte gerichtet. Wir wollten uns wehren. Wir wollten unsere Stärke zeigen. Wir wollten auch den braven Bürgern ein wenig Angst machen. Aber ich sage, die 68er waren ein hoch moralischer Haufen. Es gab keine Gewalt gegen Menschen, schon gar keine sinnlose Gewalt. Es gab Gruppendruck. Das schon.Und wir genossen es, dass irgendwelche Studenten der BWL es nötig hatten, sich als links und fortschrittlich zu outen, weil sie sonst von unserer Menge ausgegrenzt und verlacht worden wären.
Gewalt, das war für uns Vietnam und dieses Beispiel galt uns allen als verhasst und Menschen verachtend.

 

 Wir wollten andere Menschen nicht unterdrücken oder ihnen Gewalt antun. Wir wollten sie überzeugen.
Meine größte Gewalttat in diesen Zeiten war es, mit einer Gruppe von Leute den Zaun zum Vorgarten des Bischöflichen Palais nieder getreten und dort auf dem Rasen ein Lagerfeuer inszeniert zu haben. Vorne an der Straße stand unser Schild: “Wir vergesellschaften den Garten des Bischof. Friede den Hütten”, oder so ähnlich.
Tatsächlich kam dann die Polizei mit Schlagstöcken.

 

 

Politische Aktivitäten gab es vor allem im Hochschulpolitischen Bereich und in den Aktivitäten im Zusammenhang mit der Heimkritik. In manchen WGs lebte ein weggelaufener Heimzögling und wartete mehr oder weniger vergeblich auf ernsthafte Lebensunterstützung, bekam dafür die Haschpfeife gereicht und wurde mit Worten und Träumen von einer besseren Welt abgefunden.

In meiner Erinnerung gab es nur eine begrenzte Phase lang eine große, alle verbrüdernde Bewegung. Danach differenzierten sich Interessengruppen heraus. Es entstanden die verschiedenen politischen linken Gruppen, die die Gesellschaft verändern wollten, die in Richtung Sozialismus blickten und alle Varianten utopischer und realer Sozialismusmodelle für sich durchdeklinierten. Die Mitbestimmung in den Hochschulgremien war ein weiterer Schwerpunkt, der viele Komillitonen einband.
Ferner wurden im Rahmen der Studentenbewegung vor allem andere Lebens- und Zusammenlebenskulturen entwickelt und umgesetzt.(Eine WG zu gründen war damals eine revolutionäre Tat, heute ist sie ökonomischer Zwang und Normalstatus eines Studierenden.)
Für den größten Teil der Studentenschaft aber war die 68er Bewegung in erster Linie eine Art großes, befreiendes, belebendes Happening, das sich vor allem in der Musikkultur auslebte, bei Woodstock und bei der Hippy-Bewegung landete und alternative Lebensmodelle förderte.

Dann war das Studium aus und wir versuchten in der Welt Fuß zu fassen.
Für einen Teil folgte der lange Marsch durch die Institutionen, für andere kamen die Berufsverbote. Insgesamt aber, so schien es uns, machte die ganze Gesellschaft durch unsere Bewegung einen leichten Linksruck mit, wir hatten, so schien es uns, Erfolge zu verzeichnen. Wir glaubten, in dieser Welt nun als berufstätiger Erwachsener und als Familie wieder aufrecht leben zu können. Der Protest blieb natürlich trotzdem für Jahre ein Teil der Lebenskultur und war auch bitter nötig. Es folgten die großen Demonstrationen in Bonn, die Friedensbewegung, auf der ich dann schon mit meinen kleinen Kindern teilnahm, die AKW Bewegung, die ich nur noch von ferne mit ansah.
Es hängt ne alte Klampfe an der Wand!”, sangen meine jugendbewegten Eltern nach dem Krieg. Für uns hingen irgendwann die Platten-Cover der Stones an der Wand und die Marx und Engels Bände, die bei jedem Umzug mitgeschleppt wurden, verschwanden irgendwann im Keller.

Abgesehen davon, dass ich noch keine Enkelkinder habe, es war schon kaum möglich, den eigenen Kindern zu vermitteln was damals los war. Für sie waren es sicher Geschichten von anno dazumal.
Vielleicht werden die Enkel oder die Urenkel wieder da anfangen, wo wir irgendwann aufgehört haben….

Was ist geblieben? Offenbar soviel, dass es den Medien und den Konservativen im Lande noch heute die Mühe wert ist, die 68er Generation zu verunglimpfen und für alles Mögliche, was danach kam, verantwortlich zu machen. Die RAF hatte sicher ihre Wurzeln in der 68Bewegung. Aber beide gleich zu setzen ist grundfalsch und ignorant. Genauso kann man sagen, die Frauenbewegung oder auch die Grünen hatten dort ihre Wurzeln - obwohl man davon mitunter nicht mehr viel merkt.

Aber es muss ganz klar gesagt werden, was dort keine Wurzeln hat:

die rechte Bewegung, die Neonazis, die zunehmende Gewalt in unserer Jugend, die Ziel- und Perspektivlosigkeit in der Jugend, der Niedergang der solidarischen Werte, die Zurücknahme der sozialen Absicherung und der politischen Zielsetzung einer Chancengleichheit…….

Das hat sich die Politik selber eingebrockt, indem sie sich in einem vermeintlichen Fortschrittsglauben an die Fersen der Wirtschaft und ihrer Allmacht geheftet hat.

Wir brauchen wieder mal neue 68er”, seufzen die wenigen meiner Studenten, die sich nicht mit dem blinden und resignierten Hinterherhecheln hinter der neuen flexiblen und effizienten Lebensphilosophie begnügen wollen.

Ich hoffe, dass das nicht bis 2068 dauern wird.

 

Ost-West-Heimat - III.

Heimatlose

Ich bin fast gestorben vor Schreck:
In dem Haus, wo ich zu Gast
war, im Versteck,
bewegte sich
plötzlich hinter einem Brett
in einem Kasten neben dem Klosett
ohne Beinchen, stumm, fremd und nett
ein Meerschweinchen.

Sah mich bange an, sah mich lange an.
Sann wohl hin und sann her,
wagte sich dann heran
und fragte mich:

“Wo ist das Meer?”

Ringelnatz

Auch das gehört zu meiner Bilanz:

Ich, von Geburt und danach Jahrzehnte lang Wessi , bin heute im Osten dieser Republik zu Hause und ich bin es gerne.
Irgendwann in der Mitte meines Lebens habe ich mich entschlossen, aus meiner Heimat im Westen in den Osten überzusiedeln.
Das ist jetzt 15 Jahre her.

Irgendwie war das Leben für mich im Westen eintönig und langweilig geworden. Der Wechsel versprach Abenteuer, Pionierarbeit, versprach, dass man noch einmal so richtig durcheinander geschüttelt werden würde, sein Leben würde neu sortieren müssen.
Und mich reizte die Chance, an dem größten soziologischen Experiment unserer Tage selber und unmittelbar teilzunehmen. Ich hatte Sympathie für die Bürger der ehemaligen DDR, glaubte ihnen helfen zu müssen dabei, sich in die neue Gesellschaftsordnung einzuleben, ohne darin unterzugehen.

Es war alles ganz anders.
Die ersten zwei Jahre entsprachen zwar in Etwa meinen Erwartungen. Alles war neu, aufregend, spannend. Dann kam so etwas wie ein Katzenjammer. Man war in den anderen Teil Deutschlands gegangen und dort in einer unglaublichen Fremde angekommen. Es hat Jahre gedauert, dass dieses mich permanent bedrückende Gefühl, in der Fremde zu sein, mich verließ und ich einfach nur da war, wo ich war, ohne alles in Ost und West aufzuteilen.
Ich vermisste in den ersten 5 Jahren meine westliche Heimat, ich vermisste das Selbstbewusste der Menschen, die Offenheit, mit der ich gewohnt war, dass alles ausgesprochen wurde, ich vermisste zu meiner eigenen Verwunderung auch den Komfort, die Bequemlichkeiten, den Reichtum, den Luxus, den Konsum und ich habe mich danach gesehnt, ihn verachten zu können ohne ihn entbehren zu müssen.
Mit den Menschen hier wurde ich selten warm. Sie verschlossen sich für mich in unerwarteten Momenten oder schlossen mich aus. Ich war zu direkt und doch irgendwie auch nicht direkt genug.
Viele Kollegen aus dem Westen sah ich nach 4, 5 Jahren die Segel streichen und zurück in die westliche Heimat gehen. Wenn ich in den Ferien oder auf Dienstreisen durch den Westen kam, atmete ich tief auf und fühlte mich mit einem mal frei, entspannt und gelassen, fand keineswegs alles gut und schön hier im Westen, konnte mich jedoch wieder sorgenfrei über so vieles mokieren oder aufregen, war einfach zu Hause.
Meine Illusion, dass mich hier im Osten irgendwer brauchen würde, war zerplatzt. Mir als Wessi schlugen vor allem Misstrauen und Vorbehalte entgegen. Ich machte eine Phase durch, wo ich mich innerlich ununterbrochen empörte über die Ossis, ihre langsame, gleichgültige Art z.B. bei der Bedienung in Geschäften, ihr vermeintliches Ungeschick, wenn es darum ging, etwas schön, angenehm, ansehnlich zu gestalten. Das Grau der Häuser, die Depressionen zerfallener Fabrikanlagen zogen mich runter. Vor allem eines aber machte mich wütend und empörte mich: die, wie mir schien, unglaublich naive Bereitschaft der Menschen, sich in unser kapitalistisches Gesellschaftssystem zu finden und sich ihm ganz und gar widerstandslos zu unterwerfen.

Und dann haben wir uns allmählich doch an einander gewöhnt.
Eine Urlaubsfahrt nach Neubrandenburg brachte den Durchbruch: Lange fragte ich mich, warum mir in Mecklenburg alles so heimatlich vorkam, obwohl damals in Mecklenburg noch vieles an die alte DDR erinnerte und es eigentlich nichts gab, was mir hätte bekannt vorkommen können. Bis ich begriff was es war: die Ebene, der Horizont, die Sprache, der Menschenschlag. Und ich entdeckte, dass es eben nicht nur Ost-West-Unterschiede gibt sondern ebenso Nord-Süd Unterschiede, die vielleicht für eine geborene Westfälin manchmal noch viel wichtiger sind. Ich versöhnte mich mit dem Osten weil er auch einen Norden hat.

Der Osten wurde so allmählich doch irgendwie ein Teil von mir.

 

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m.s.

 

Wenn ich im Westen war, fehlte mir nun auf einmal ein Teil meines Lebens. Und dass im Westen niemand die neuen Bundesländer auch nur zur Kenntnis nahm, entfremdete mir die alte Heimat zusehends. Sie kamen mir nun hier alle blind, arrogant und ahnungslos vor und vor allem selbstgerecht.

Für den endgültigen  Umschwung war schließlich die Idee eines Kollegen verantwortlich, der mir in meiner Heimatlosigkeit eines Tages riet, in eine möglichst nahe Weststadt zu ziehen und nach Jena zu pendeln. Er macht das seit 15 Jahren: Jena - Bremen - Jena - Bremen …. Und es geht ihm dabei gut.
Ich ging die infrage kommenden westdeutschen Großstädte durch, die nicht mehr als 200 km entfernt waren: Nürnberg, Kassel? Und dann kam mir die entscheidende Idee: Berlin. In Berlin hatte ich den Westen und den Osten in einem und konnte meine West- und Ostsehnsüchte an einem Ort befriedigen. Ich entdeckte Berlin für mich und fühle mich da pudelwohl.
Immer mehr lernte ich dann auch den Nordosten der Neuen Bundesländer kennen und schätzen: hier spricht man wie in dem Land meiner Kindheit, hier ist der Horizont weit und die Welt flach und ohne Grenzen und hier habe ich so vieles lieben gelernt: die Brandenburger Seen, das Tal der Oder, Berlin, Potsdam, Rostock….
Ich genieße es, beide Seiten zu verstehen und wenn sich Ost- und Westdeutsche darüber streiten, ob denn nun die Nord- oder die Ostsee schöner sei, lächele ich in mich hinein und denke, dass ich beide Geheimnisse kenne und genießen kann.

Wenn ich heute alle 14 Tage nach meinem Wochenendaufenthalt in meinem neuen Zuhause Brandenburg wieder von der Autobahn zurück ins Thüringische Saaletal einbiege, bin ich  entzückt von dieser Gegend und dieser kleinen Großstadt - im Wissen, hier nicht alt werden zu müssen.

Ich bin also geblieben, zwar in Thüringen nie wirklich warm geworden aber doch inzwischen in Brandenburg  heimisch. Vielleicht bin ich jetzt eine Ossi geworden. Ich scheue im Westen heute wie ein Ossi den ganz großen Lärm, das ganz große Gedränge, die Show, die Schaumschlägerei.

Meine Freunde sind zwar fast alle nach wie vor Wessis. Inzwischen habe ich aber auch gute Bekannte im Osten und lebe sogar mit einem Ossi zusammen. Manchmal stimmt es mich traurig, dass ich mit meiner westlichen Sozialisation alleine bin in unserer Beziehung, dass meine Nostalgie ganz andere Töne anschlägt als seine.
Und wenn ich in ein Gespräch gerate, im dem sich ausschließlich Ossis über frühere Zeiten austauschen, fange ich immer noch an, mich einsam zu fühlen.

Dennoch, ich möchte nicht zurück. Es käme mir vor, als wollte ich weiterleben und dabei die Augen verschließen, oder als würde ich mir selber einen Arm abhacken.
Und allmählich versanden die Gräben. Die jungen Menschen sind nur mehr schwer als Ossis oder Wessis zu identifizieren. Wenn ich mich als Wessi oute, sehe ich immer seltener jenes leise “Aha” in den Augen der anderen, bei dem die Türen zuschlagen. Die Situation bleibt jetzt offen. Die Menschen um mich haben an Selbstbewusstsein zugelegt. Das bringt mich ins Gleichgewicht mit ihnen.

Und nun besiegelt mein Ossi-Schicksal auch noch der schnöde Mammon: Ich habe immer lautstark Solidarität mit den Menschen im Osten bekundet, die deutlich weniger Geld für ihre Arbeit kriegen, obwohl der Lebensstandard hier nicht anders ist und die Lebenshaltungskosten sich längst nichts mehr tun. Aber ich hatte auch gut lachen: Ich wurde hier immer als Wessi bezahlt. Dieses Privileg habe ich 15 Jahre lang in Anspruch genommen. Und  jetzt stellt sich heraus, meine Rente wird eine Ost-Rente sein.
Hoppla, sowas verbindet uns dann erst richtig!

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Dichten war meine Sehnsucht - II.

Die Dichterin
So denkt an mich:
Auf eures Herzens Insel
dürstend
und ausweglos
bin ich verbannt

Yosana Akiho

 

 

Ich wollte Spuren legen.
Ich habe mein ganzes Leben gehofft, eine berühmte Schriftstellerin zu werden. Mein ganzes Leben war davon gestimmt. Alles was ich tat und erreichte, war eigentlich nur mein Alltagsleben, eine Art Vorwand, zu leben. Mein “eigentliches Leben”, so dachte ich seit meinem 5. Lebensjahr, sei es, zu schreiben.
Ich habe auch geschrieben, als Kind, als Studentin, mit 40, mit 50…Ich habe es mitunter geschafft, diese Option ernst zu nehmen, mich wirklich anzustrengen, meine Produkte zu zeigen, meine Qualitäten zu schulen…

Von Anfang an war es vermutlich die Hoffnung, Spuren zu hinterlassen, war es der Wunsch, aus der Masse der Menschen herauszuragen, die Sehnsucht auf diese Weise mit der Menschheit kommunizieren zu können, Menschen zu finden, die fühlen wie ich und ihnen meine Sprache zu leihen.

 

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m.s.

 Von Anfang an hatte ich Angst davor, einfach unter den Milliarden Menschen meiner Zeit unterzugehen. Die Arroganz, etwas Besonderes sein zu wollen, stärkte mein Selbstbewußtsein, gab mir die Kraft, es mit dem Leben immer weiter aufzunehmen.
Mein wirkliches Leben, das vor allem aus Arbeit und Kinder bestanden hat, schien mir nicht genug an Befriedigung und Kraft abzuwerfen. Ich habe dieses Leben nie besonders wichtig genommen, war nie stolz darauf, empfand es ja sogar als Hinderungsgrund für meine angestrebte Karriere als Dichterin.
Fakt ist, dass meine Spuren, die ich in meinem Beruf zurücklassen werde, sicherlich größer und deutlicher sind, als die, die meine Gedichte und Texte hinterlassen werden.
Wenn man so will, habe ich mein Leben unter einem falschen Vorzeichen gelebt. Das soll nun vorbei sein.
Ich schreibe noch, habe noch Spaß daran, aber ich sehe, dass es in meinem Leben nicht die entscheidende Kraft gewesen ist, nur der entscheidende Traum.

Dennoch:
Dass meine literarische Homepage, die ich seit Jahren betreibe, nur von einer Hand voll Leuten pro Tage eingesehen wird, dass sich nur alle Jubeljahre jemand dazu aufrafft, mal ein Feedback zu geben, dass selbst meine Freunde immer wieder vergessen, dass es diese Homepage gibt und dass ich überhaupt schreibe… all das hat mich oft tief verletzt und traurig gemacht.
Bis ich eines Tages träumte, ich sei eine erfolgreiche Schriftstellerin und müsse nun ständig zu Lesungen fahren, um meinen Bestseller vorzustellen, Abend für Abend Autogramme geben und mich immer weiter vermarkten. Mir graute. Mir wurde übel. Ich wusste, als ich erwachte, dass diese Perspektive für mich eher ein Albtraum als eine Erfüllung sein würde. Was um alles in der Welt hätte ich davon? Absolut nichts als Stress, Druck, Anstrengungen… Das hat mich nachhaltig geheilt.

Aber es wäre schön, Texte zu schreiben, die andere auch berühren. Es ist schön, Texte zu schreiben, die mich selber beglücken. Das sollte genügen.
Und ich werde es weiter tun. Lese es, wer will.

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Nachtrag: Ringelnatz

 

zum Thema I meiner Bilanz “Unterm Strich ” dieser wunderbare Nachtrag:

Joachim Ringelnatz

Ehrgeiz

Ich habe meinen Soldaten aus Blei
Als Kind Verdienstkreuzchen eingeritzt.
Mir selber ging alle Ehre vorbei,
Bis auf zwei Orden, die jeder besitzt.

Und ich pfeife durchaus nicht auf Ehre.
Im Gegenteil. Mein Ideal wäre,
Daß man nach meinem Tod (grano salis)
Ein Gäßchen nach mir benennt, ein ganz schmales
Und krummes Gäßchen, mit niedrigen Türchen,
Mit steilen Treppchen und feilen Hürchen,
Mit Schatten und schiefen Fensterluken.

Da würde ich spuken.

Der Ehrgeiz ist vorbei - I.

Radwechsel

Ich sitze am Straßenrand.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

Bertolt Brecht

Eine Inventur hatte ich vor, eine Analyse all dessen, was da noch ist, was da noch Wert hat, was da noch zählt. Es ist mir wohl kaum gelungen, diesen Prozess hier in meinem Blog deutlich zu machen, obwohl ich doch vorhatte, Inventur zu betreiben, und das so offen, dass alle zusehen können.

Aber sie hat dennoch stattgefunden, langsam, seit Jahren. Sie hat auch im letzten Jahr stattgefunden. Und dieser Tage entdecke ich: Ich habe den Prozess zumindest soweit abgeschlossen, dass ich ein Ergebnis sehe:
Der Prozess begann mit der schmerzhaften Erkenntnis vor etwa 15 Jahren, dass nicht mehr meine Generation es war, die das Heft in der Hand hielt. Ich begann, zum alten Eisen zu gehören. Lange Zeit hat mich diese Erfahrung verletzt und wütend gemacht.
Inzwischen tut es nicht mehr weh. Im Gegenteil, es hat sogar etwas Befreiendes.

Der Prozess bestand vor allem aus Abschieden, aus Abschieden nicht von Träumen – denn denen fühle ich mich näher als vorher – sondern aus Abschieden von der Illusion, wichtig zu sein für diese Welt und von dem Zwang, dies sein zu wollen. Allmählich ist mir der Verzicht geglückt auf den ständigen Willen und Wunsch, immer wieder noch mehr erreichen zu müssen und zu können, besser sein zu wollen, andere zu übertreffen, ihnen das Wasser reichen zu können, genauer, sie zu übertrumpfen, sie zu überragen.
Ich weiß, dass ich dieses Lebensgefühl mit sehr vielen Menschen geteilt habe. Ich bin ein Kind meiner Zeit und nicht bescheiden, zufrieden, dankbar und mit der Wirklichkeit versöhnt, sondern immer bereit, jeden Ehrgeiz mitzumachen, mir jede Anforderung, jede Herausforderung anzuziehen.
Von all dem habe ich in kleinen Schritten mühsam und schmerzhaft, aber inzwischen ein wenig erleichtert, ja fast staunend Abschied genommen und mit der bescheideneren Wirklichkeit Frieden geschlossen.

Ich habe begriffen, dass ich null und nichts davon hätte, wenn ich z.B. noch fünf Fachbücher mehr geschrieben hätte, wenn mein Name täglich in der Zeitung stehen würde, wenn mich viele kennen und sogar bewundern würden. Ich habe mich im Beruf in das gefunden, was ich kann und was ich schaffe und verzichte auf jede weitere Herausforderung, auch wenn die Kollegen um mich herum platzen vor Plänen und Perspektiven, vor Eitelkeit und Arroganz, vor Triumphen und Erfolgen. Macht es alleine, nicht mit mir, nicht mehr!

 

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m.s.


Ich muss nirgends mehr ankommen, muss niemandem noch etwas beweisen, kann es mir leisten, zu zu schauen, zu beobachten, aber auch zu tun und zu genießen, was noch zählt, was noch geht und was noch wert ist, es zu leben. Ich brauche keine Schätze mehr anzuhäufen, keine Leistungen mehr vorzulegen. Ich habe mein Teil getan, um diese Welt dabei zu unterstützen, sich weiter zu drehen.

So reden alte Leute?
Möglich. Ich bin nicht mehr jung. Ich spüre es in allen Knochen und auch mental, dass ich bald 60 Jahre gelebt habe und dass man dabei Federn und Kräfte verliert.
Aber man gewinnt auch dabei, nicht nur körperliche Beschwerden und alle möglichen Behinderungen, sondern auch Einsichten und Erfahrungen und Mut.

Ich bin bescheiden geworden und endlich zufrieden mit meinem Leben.
Vielleicht werde ich keine Spuren hinterlassen. Aber was nutzen die tollsten Spuren dem, der tot ist?

Ich traue mich nun viel mehr als früher, zu tun, was mir beliebt: den Anblick einer Blume zu genießen, einem Gedanken nachzuhängen, die laute und aufdringliche Welt um mich ab und an einfach zu ignorieren, in die andere Richtung zu laufen als in die, die gerade in ist, etwas anders zu machen, als üblich, etwas anderes zu erstreben, als das, was angeblich das Beste ist.
Ich habe Lust, Dinge zu tun, die mir einfach nur Freude bereiten oder auch solche, die meiner Wut endlich Luft machen. Und ich habe Lust, etwas zu tun, das in sich wirklich sinnvoll ist, nicht nur mir dient und mich herausstellt, sondern einfach für sich Sinn macht.
Ich fühle mich jetzt, wo ich die letzte Etappe meiner Reise angetreten habe, mehr als Teil dieser Welt, als ich es je getan habe und gleichzeitig unabhängiger von ihr und den anderen Menschen, als ich es je sein konnte.
Vielleicht dauert diese Etappe noch 20 Jahre, vielleicht nur 20 Tage. Das ändert nichts.

Die Scham ist vorbei, so hieß ein für mich vor vielen Jahren bahnbrechendes Buch. Heute würde ich ergänzen: der Ehrgeiz auch und das Schielen nach dem, was erwartet wird.
Als ich 50 wurde, habe ich leise zu mir gesagt: 50 Jahre hast du mehr oder weniger gemacht, was von dir erwartet wurde, ab jetzt machst du das, was du willst.
Heute sage ich es laut.

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Inventur abgeschlossen - was bleibt unterm Strich?

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der gepflasterte und der getretene Weg

Vor einem Jahr habe ich dieses Blog begonnen. Meine Vorstellung war, das Blog dazu zu nutzen, sozusagen vor den Augen der Welt, Bilanz zuziehen, was mein Leben betrifft. Inventur hatte ich angekündigt und alle eingeladen, in mein Glashaus zu kommen und dabei zu sein.

Vielleicht macht man so etwas eigentlich hinter verschlossenen Türen und teilt das Ergebnis im besten Fall den Freunden und dem Lebenspartner mit. Aber ich habe dennoch das Bedürfnis meine Erkenntnisse über mich und die Welt ins Netz zu stellen. Vielleicht knüpft jemand daran an? Vielleicht interessiert es andere, die sich mit ähnlichen Problemen herumgeschlagen haben oder noch herumschlagen? Vielleicht finden andere Menschen es spannend, zu welchen Ergebnissen ich gekommen bin?

Dies ist keine abschließende Inventur. Die Welt geht weiter, auch mein Leben geht weiter, eine Weile zumindest noch. Vielleicht werde ich das eine oder andere in ein paar Jahren anders einschätzen und anders sehen.
Jetzt bin ich an einem Punkt, wo vor mir der Ruhestand liegt. In wenigen Jahren habe ich ein langes und durchaus erfülltes aber auch anstrengendes Berufsleben hinter mir und die Streusandbüchse wird meine einzige Heimat sein. Ich lasse das nicht einfach auf mich zu kommen. Ich habe immer schon ein wenig früh mit der Vorbereitung auf Ereignisse angefangen. Meine Eltern lachten, wenn ich als Kind im Oktober meine Weihnachtsgeschenke gebastelt habe.
Ich werde deswegen vielleicht trotzdem den Schock nicht einfach wegstecken können, den viele erleben, wenn ihr Rentenalter erreicht ist. Aber ich habe eben jetzt und heute das dringende Bedürfnis, die letzten 60 Jahre für mich abzuschließen, mich neu zu definieren und einzurichten in dieser Welt.
Das Ergebnis meiner Inventur wird zeigen, was ich hinter mir lassen kann, was in meinem künftigen Leben noch Platz haben wird, was unterm Strich übrig bleibt, was mir noch wichtig ist und was ich mitnehmen werde in die andere, die späte und letzte Lebensphase.

Meine Gedanken und Überlegungen dazu werde ich nach und nach hier einstellen. Lese sie wer will.

Jeden Sonntag ist Inventurtag.