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30.11.2007 von Mrs. Tapir.
… an meine unglückliche Tochter in der Ferne ……
Du gehst die Wege, die du gehen willst.
Ich schaue zu und bleibe still von ferne stehn.
Weit weg von mir ersteigst du unbekannte Berge,
sprichst fremde Sprachen, die ich nicht verstehe,
zeigst Wagemut, der mich das Staunen lehrt.
.
Nur deine Traurigkeit und deine Ängste,
sie sind mir so vertraut.
Ich höre die Beschwörung deines Glücks.
Ich sehe deine Tränen, meine sie zu schmecken.
Und doch kann ich für dich nichts tun.
.
Die Jahre, die ich ganz in deiner Nähe war,
sind längst Vergangenheit.
Die Zeiten, wo ich hätte
meine Tochter trösten können,
sie sind vorbei und sind vielleicht vertan.
.
Mir bleibt es nur, zu wünschen und zu hoffen,
dass dir das Leben nicht nur Wunden schlägt.
Dass irgendwann die Liebe dir begegnet
und zart, und so, wie Mütter und Geliebte es nur können,
mit sanfter Hand die Tränen dir von deinen Wangen streift.
.
Hier kann man andere Texte von mir lesen ….
Geschrieben in meine schönsten Fotos, Texte von mir, Kinder haben | Keine Kommentare »
29.11.2007 von Mrs. Tapir.
Eben höre ich im Radio: die deutschen SchülerInnen haben diesmal ein wenig besser abgeschnitten, liegen jetzt an 13. Stelle!
Unverändert aber ist, dass es in keinem der beteiligten Staaten so einen engen korrelativen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg gibt.
Es wird sogar noch eins drauf gesetzt: Schüler aus sozial benachteiligten Familien werden bei gleichem Leistungsstand seltener fürs Gymnasium vorgeschlagen. Wahrscheinlich denken die Schulpädagogen sich dabei: ” Der hat ja zu Hause keine Unterstützung in schulischen Angelegenheiten, wie soll er dann das Gymnasium schaffen” und meinen im Interesse der betroffenen Schüler zu handeln.
Für die, denen Chancengleichheit nicht schon aus ethischen Gründen ein Anliegen ist:
Vielleicht stände Deutschland im internationalen Vergleich viel besser da, wenn diese Schülerreserve der sozial benachteiligten Kinder wirklich und mit entsprechendem Aufwand an Bildung herangeführt würde.
Intelligenz verteilt sich erfreulicher Weise nicht nach sozialen Gesetzen und Bedingungen, sondern sie ist in jeder Bevölkerung über Schichten und Gruppen hinweg gleich verteilt. Was die Natur uns vorgibt wissen wir ja bekanntlich perfekt auf den Kopf zu stellen. Wir vergeuden schlicht Humankapital.
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28.11.2007 von Mrs. Tapir.
Immer wieder das Gleiche:
Ich stelle den Studierenden Methoden und Konzepte einer Sozialen Arbeit vor, die von hoher Fachlichkeit und von einer deutlichen Achtung für den anderen Menschen, den Klienten, geprägt ist. In Fachkreisen nennt man diese Konzeption Sozialer Arbeit Lebensweltorientierung. Sie entstand in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts und bildet z.B. die theoretische Grundlage des erst 1990 verabschiedeten Kinder- und Jugendhilfegesetzes.
Dieses Gesetz geht zum Beispiel von der Notwendigkeit aus, gegenüber den Klienten und ihrer Sicht der Situation Respekt zu haben, sie nicht zu ihrem Glück zwingen zu wollen, sondern sie ins Boot zu holen und zu aktiven Kooperationspartnern der Sozialen Arbeit zu machen. Das Gesetz versteht sich als Dienstleistung: Eltern und Minderjährige sollen Hilfe und Unterstützung bekommen, wo sie sie brauchen.
Ein Student berichtet von einem Fall, den er letzte Woche erst erlebt hat: Eine Mutter, die massive Erziehungsprobleme hat, die um ihren Rechtsanspruch auf Hilfe weiß, wendet sich um Hilfe ans Jugendamt - und wird wieder weggeschickt! Die Probleme waren dem Jugendamt nicht schwerwiegend genug. Geld ist nur noch da, wenn es eigentlich schon zu spät ist.
Heute ist dieses Gesetz oft nicht mehr das Papier wert, auf dem es steht. Formal wird es meistens beachtet, aber der Geist dieses Gesetzes wird ausgehebelt, umgangen, konterkariert. Natürlich steckt das liebe Geld dahinter, das Geld, das angeblich fehlt und das in diese Bereiche eben nicht investiert werden soll, das Prinzip der Ökonomisierung, das inzwischen alle gesellschaftlichen Bereiche dominiert und das allen vorschreibt, möglichst effizient, kostengünstig, rationell zu zu sein.
Freilich, das ist schließlich in allen Bereichen des Lebens so und trifft die Soziale Arbeit wie - fast - jeden anderen gesellschaftlichen Bereich auch. Nur, hier ist das folgenschwerer, als wenn es darum geht, Straßen zu bauhen oder Kaffeemaschinen zu produzieren.
Eine Soziale Arbeit, die einem humanen Menschenbild verpflichtet ist, braucht Zeit für diese Menschen, braucht Zeit für Kommunikationsprozesse, die nötig sind, um Probleme mit dem Betroffenen und nicht ohne oder gegen ihn zu lösen.
“Aber, Frau Professorin, Sie wissen doch auch, wie es in der Praxis heute aussieht, was wirklich geschieht, dass Entscheidungen nicht nach Fachlichkeit sondern nach Kostengünstigkeit gefällt werden, Sie wissen doch, wie oft keine Zeit bleibt, um auf die Menschen einzugehen, wie oft zu spät reagiert wird, weil Prävention keiner bezahlten will….”
Ja natürlich weiß ich das! Aber soll ich meine Studenten so ausbilden, dass sie in eine solche Praxis ohne anzuecken hineinpassen?
“Aber wenn wir uns wehren oder nur den Mund aufmachen, dann müssen wir Angst haben um unsere Arbeitsplätze. Und wir haben Familie oder wollen eine haben. …”
Natürlich kann ich das verstehen.
Es ist eine Schande, dass es so weit gekommen ist in unserem Land: Gesellschaftskritik und sei es die geringste, wird einem heute regelrecht übelgenommen, man macht sich verdächtig, nicht auf der demokratischen Grundordnung zu stehen- wobei hier die demokratische Grundordnung verwechselt wird mit der gesellschaftlichen “Ordnung” eines globalen Kapitalismus.
Nicht zufällig überschlagen sich die Medien anlässlich der “40 Jahre APO” in dem Versuch, in jenen Leuten, die die damalige Lebensordnung nicht akzeptieren wollten, die Zerstörer unserer Gesellschaft zu sehen: Die Gewalt in unserer Zeit hätte ihren Ausgang, so konnte ich vor ein paar Tagen im Radio hören, in den 68ern gehabt, denn denen war nichts heilig. Das schreit zum Himmel! Wem in unserem Land ist die Menschenwürde der Menschen heilig, die kein Geld haben, keinen Einfluss, die nicht zu den Machern und Gewinnern der Gesellschaft gehören?
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26.11.2007 von Mrs. Tapir.
Einen Geburtstagsstrauß habe ich schon….
Meine Schwägerin, die jüngere Schwester von kranich, wird kurz vor Weihnachten 65 Jahre alt.
Und wir zwei sollen die Geburtstagsrede halten, ein paar Fotos, einen netten Text, Erinnerungen aufwärmen….
So nebenbei und mit links geht das nicht. Also sitzen wir hier und verbringen unsere Wochenenden mit alten Fotos, stellen Dateien zusammen, dichten Verse auf die verschiedenen Lebensstationen, proben den Gesang mit Begleitung, schreiben für das Ganze ein Regiebuch und üben unseren Auftritt.
Es macht großes Vergnügen, ist unglaublich viel Arbeit und wir hoffen, dass dann das Geburtstagskind und die Zuhörer wenigsten halb so viel Spaß daran haben werden wie wir.
Aber selbst wenn es noch nicht so richtig klappt: Im nächsten August wird mein Vater 90. Da kann ich dann also gleich weiter machen…..
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25.11.2007 von Mrs. Tapir.
Als ich heute früh aufwachte, war es merkwürdig hell. Dann sah ich den Schnee auf dem Dachfenster liegen. Anka hat sich riesig gefreut und richtige Wälzorgien im Schnee veranstaltet.
In unserem Pötschkekalender, der im Badezimmer auf der Fensterbank liegt und so manche Bauernregel enthält, wird für heute verkündet: Schnee im November - später Wintereinbruch im Januar.
Nun geht es also wieder los: Schneematsch, Salzringe auf den Schuhen, noch im Dunklen den Bürgersteig enteisen und streuen….
Man sollte sich an die schönen Seiten des Winters erinnern. Als ich meine Digitalkamera neu hatte, machte ich 2005 mein erstes Foto vom überraschenden Neuschnee in Berlin an einem Novemberabend wie heute.
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23.11.2007 von Mrs. Tapir.
Da bringen es unsere Bundestagsabgeordneten, die vom Volke gewählten Vertreter, einmal mehr fertig, sich mitten in Zeiten des Streiks der Lokführer um endlich und deutlich mehr Lohn und während die Briefträger ihre Enttäuschung verkraften müssen, dass es doch nichts ist mit Mindestlohn und in Zeiten, wo die Medien verkünden, dass jedes 6. Kind in Deutschland von Sozialhilfe lebt (und in meiner Kinderstadt Gelsenkirchen 60% der Migrantenkinder auf Hartz IV angewiesen sind), in diesen Zeiten sind sie dazu fähig, sich mit der Erhöhung ihrer Diäten zu befassen und dabei kräftig zuzuschlagen. Wahrscheinlich begründen sie ihre Maßnahme mit der besseren Konjunktur unserer Wirtschaft. Aber die wenigsten derer, die sie vertreten sollen, haben von dieser Konjunktur auch nur einen Cent gesehen.
Was ist das nun: unsensibel, schamlos oder nur einfach geldgierig?
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20.11.2007 von Mrs. Tapir.
An ihrem 100. Todestag wird an sie gedacht.
Ob man ihr gerecht wird? Sie hat so viele Gesichter. Hier ein Bild von ihr, dass mich immer wieder entzückt. So eine lebendige, geradezu dramatische Tierdarstellung, man sieht es erst auf den 2.Blick…
Folgende Zeilen habe ich geschrieben, nachdem ich ihre Briefsammlung gelesen hatte:
an paula becker
deine bilder waren mir immer
unheimlich.
kinder mit solchen augen!
wissend.
frauen ohne schönheit,
die freundlicherweise ablenkt
von ihrem gesicht.
wer wagt es,
so etwas zu zeigen?
und schon immer fiel es mir schwer,
wegzusehen.
nun kenne ich dich ein wenig,
deinen kampf um dich selber,
darum, endlich du zu werden.
und ich kenne sie nur zu gut,
deine gefangenschaft
unter den menschen,
die es nicht zuließen,
daß du du selber warst.
nun weiß ich es,
warum du immer wieder dich gemalt hast,
in allen gesichtern.
das war alles,
was du zu sagen hattest.
und es war sehr viel.
du hast es gewußt
und nicht geschwiegen.
dafür bewundere ich
und beneide ich dich.
du hast dich nicht unterkriegen lassen,
konntest gar nicht wirklich aufgeben,
immer wieder hast du dich ausgegraben,
durchgewühlt
und hast mit einer naivität,
für die ich dich küssen könnte,
den anderen mitgeteilt,
wie frei du dich fühltest -
ohne sie.
aber auch du hast doch,
immer noch und immer wieder
gewartet, dass da einer käme,
der an dich glauben würde.
und als keiner kam,
hast du dich einfangen lassen
von dem alten frauenschicksal:
kinder.
und daran bist du zerbrochen
und gestorben.
du hattest so viel mut,
so viel mehr mut als ich.
warum nur hat er dich verlassen.
Geschrieben in Frauen & andere Menschen, gelesen, Dichtung & Kunst, Texte von mir, Kinder haben | Keine Kommentare »
20.11.2007 von Mrs. Tapir.
Unter unserer Treppe im Wohnzimmer wäre so ein schöner Platz für Anka.
Aber die liegt immer irgendwo mitten im Raum, am besten so, dass man über sie stolpert und immer so, dass sie uns sehen kann.
Wie schön wäre es, wenn man zu ihr sagen könnte „Geh auf deinen Platz“ und der Hund würde brav die Szene verlassen und sich auf seinen angestammten und ihm eigenen Platz zurückziehen. Das ging mit Puschka, meiner früheren Schäferhündin wunderbar. Aber Anka hat sich seit ihrer frühesten Jugend geweigert, irgendeinen Platz als den ihren und den, wo sie im Zweifel zu sein hat, anzuerkennen.
Ich stehe sehnsüchtig im Pflanzen- und Tierbedarf-Großhandel vor den Kissen und Körben, den Kissen mit Rand, um den Hunden das Gefühl zu geben, dass sie geschützt irgendwo drin liegen, nicht nur oben drauf. Sie sind teuer, waschbar, mehr oder weniger erträglich im Design.
Anka steht neben mir und interessiert sich viel mehr für die vielen Tüten Hundefutter und die Leckerliangebote im Nebenregal.
Da spricht mich eine Frau an: „Ach hier ist ja der schöne Eurasier“. Ich bin natürlich entzückt. Wir kommen ins Gespräch. Sie hat selber zu Hause zwei Eurasier, sie kennt sich aus. Sie schafft es, sich mit der Hand Anka zu nähern, ohne das die zurückweicht, sie bewegt die Hand nicht von oben auf Anka zu mit der Handfläche nach unten sondern umgekehrt von unten mit einer nach oben geöffneten Hand. Anka protestiert nicht sondern schnuppert interessiert an der Hand und lässt sich streicheln. Ich staune.
„Ich kenne doch die Eurasier! Die sind nicht so zutraulich, haben eine ganz schöne Portion Skepsis. Da kommt der Chow-Chow raus.“
Diese Frau ist wahrhaftig eine Kennerin dieser eigenwilligen Hunderasse. Die Gelegenheit ist günstig.
Ich frage, ob ihre einen Platz zu Hause haben, einen festen Platz?
Sie lächelt etwas nachsichtig. „Nein, natürlich nicht, die sind nicht auf einen festen Platz festzulegen. Unsere haben das nie gemacht. Die liegen immer bei uns und am liebsten auf unseren Füssen. Da kommt nun wieder der Samojede raus. Bei den Eskimos schlafen die immer mit im Zelt, als Bettvorleger und im Zweifel auch mit im Bett. Diese Dinger hier sollten sie nicht kaufen, das ist reine Geldverschwendung. Das macht ein Eurasier nicht mit.“
Ich bin geplättet.
Den Kauf verkneife ich mir.
Am Abend liegt Anka wieder mitten im Zimmer, dann vor dem Tisch, dann an der Treppe aber natürlich nicht darunter, dann vor dem Kachelofen und in der Nacht genau mitten unseren Betten.
Immerhin nicht drin.
P.S. Eurasier sind eine Rasse, die aus Chow-Chow, Samojede und Wolfsspitz gezüchtet ist.
Geschrieben in Anka, Leute & Geschichten, unsere Streusandbüchse | 1 Kommentar »
16.11.2007 von Mrs. Tapir.
Jedes 6. Kind in Deutschland lebt oder lebte von Hartz IV. 1965 lebte im Westen nur jedes 75. Kind von Sozialhilfe.
Diese Zahl spricht für sich. Sie weist auf zwei Fakten hin:
1. die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft
2. die Folgen der aktuellen Politik eines “aktivierenden Sozialstaates”.
Wem eigentlich sollte man da lange Beine machen?
Im Übrigen entspricht dieses Ergebnis der sogenannten “Risiko-Gruppe”, die die Wissenschaftler der ersten Pisa-Studie identifiziert haben. Ca. 25 % unserer Jugendlichen erreichen das Hauptschulniveau nicht wirklich. Sie stammen zum größten Teil aus “bildungsfernen Elternhäusern” und mit Sicherheit auch aus sozial benachteiligten Elternhäusern. Etwa die Hälfte davon haben einen Migrantenhintergrund. Weder die sozialpolitischen Schritte unserer Regierung noch die jetzt im Bildungssystem zögerlich anlaufenden Versuche sind geeignet, dieses Problem zu lösen. vgl. z.B. das Konzept G8
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12.11.2007 von Mrs. Tapir.
Es gibt ja Leute, die können einen Film nur einmal sehen. Ich bin der Meinung, dass sich ein Film, ein guter, wie gute Musik erst beim wiederholten Wahrnehmen wirklich ganz offenbart.
Diesen Film habe ich heute abend das 5. Mal gesehen. Beim letzten Mal habe ich herrlich lachen müssen. Heute was es eher ein Schmunzeln.
Der Buck Film, der 1993 den Deutschen Filmpreis bekam, ist einfach wundervoll:
Die beiden etwas minderbemittelte aber sehr ungleiche Brüder Rudi und Moritz aus Münster in Westfalen (ausgerechnet!), haben in der eben erst “befreiten” DDR, genauer an der Ostsee bei Schwerin, ein Gut geerbt. So glauben sie jedenfalls und treten mit einem uralten LKW, der Spitze 80 kmh fährt, die Reise durch das weite Land an. Ein desertierter russischer Soldat erzwingt, dass sie ihn mitnehmen. Es dauert nicht sehr lange, da sind die Drei ein eingeschworenes Trio. Rudi gibt ihm viel Geld, damit er seine Uniform loswerden und sich schick einkleiden kann. Und Viktor repariert den Motor des Wagens, verbreitet mit seinen Liedern gute Laune und seine Kalashnikow leistet gute Dienste. Die Direktheit und Unverstelltheit des Bruders Rudi, der zwar geistig etwas anders tickt als wir, der aber sensibler, in gewisser Weise sogar gebildeter und vor allem unvoreingenommener ist als alle anderen Menschen, die ihm begegnen, erwirkt unter den Dreien eine einfache und verblüfend menschlich Atmosphäre.
Rudis unerschütterbares, geradezu instinktives Bemühen um Gerechtigkeit und Solidarität macht ihn aber gleichzeitig auch zu einem Mann, der sich nichts bieten lässt und der tut, was zu tun ist, auch wenn er daraufhin polizeilich gesucht wird. Denn bei alle dem ziehen die drei sehr bald eine Spur von Verbrechen hinter sich her, Verbrechen, die sie alle quasi aus Versehen, im Vorbeigehen und ohne es zu wollen, begangen haben. Und obwohl sie am Ende einem riesigen Polizeiaufgebot gegenüberstehen, schlagen sie allen ein Schnippchen und landen tatsächlich irgendwo in Russland.
Das alles spielt in der traumhaften Landschaft zwischen Seen, schmalen, alten Alleen, weiten grünen Wiesen und schließlich der Ostsee, ein Roadmovie also.
Die Western-Anleihen und Zitate Bucks sind amüsant und machen den Film tatsächlich zu einem erfrischenden Eastern.
Auf ihrer Fahrt durch Brandenburg und Mecklenburg wenige Jahre nach der Wende gibt es dann kein Klischee, das Buck nicht zitiert:
die rechten Banden im Osten, die öden Kneipen, die grauen Häuserzeilen, der neue Nepp, das um sich greifende profitgierige Kleinunternehmertum, der arrogante Westkommissar, die Immobilienansprüche der Wessis, der singende und immer lächelnde aber scharf schießende Russe und die schöne, rothaarige Frau, die ihn sieht und ihm - fast ohne zu zögern - in seine russische Heimat folgt.

Aber an keiner Stelle wird der Film zum Klischee oder zum Kalauer. Denn diese ganze chaotische Welt und die Menschen darin, die alle versuchen, sich das Beste davon abzuschneiden, wird mit den arglosen aber wachen Augen des geistig behinderten Bruders beobachtet und so hat der Film keine Chance vor seiner unwiderstehlichen Gutgläubigkeit und Geradheit, in oberflächlichen Witz oder in Platitüden zu versinken.
Mich erinnert der Film nicht nur an das amerikanische Märchen, den Western. Es gibt alte Volksmärchen, die davon erzählen, dass der für dumm gehaltene und von allen verlachte am Ende der Klügere und auch der Schlauere ist. So ein Märchen ist dieser Film auch. Ein lustiges Märchen dazu.
Unvergeßlich die Szenen,
- wo der im Heim bisher für die Schweinezucht zuständige Bruder die Schweine aus einem Transporter befreit, weil sie am verdursten sind,
- wo die rechten Gängster vor der unerschütterten und entschlossenen Haltung der Drei mit ihrem Auto aus Angst rückwärtz in einen See fahren,
- wo sich der arglose, Tiere liebende Bruder zu einem Hund hinunterbeugt, der mit Maulkorb dasitzt und auf die liebevolle Anrede “Du bist aber ein Feiner!”, blitzartig seine Ohren hochschnellt und böse knurrt,
- wo in der Kneipe derFernseher die Suchmeldung nach den gemeingefährlichen drei Helden durchgibt und ein paar Schlägertypen daraufhin hastig das Lokal verlassen und ihr an den Stuhl gebundener Schäferhund, eben der, geduckt und mit dem Stuhl am Bein hinter ihnen her hastet,
- unvergesslich die ganze Szene der Geiselnahme, bei der sich die beiden Dorfpolizisten aus Angst vor Schüssen hinter ihrem Wagen verstecken während der voll trunkene Kneipengast, der alles mitangesehen hat, daneben steht und das ganze kommentiert wie einen Samstagabend Krimi…..
Ich würde den Film auch ein 6. Mal sehen!
Geschrieben in gesehen, Dichtung & Kunst | 3 Kommentare »